Schwarze Zunft - ein Monopol beginnt zu wanken


Mehr Wettbewerb könnte die Gebühren deutlich drücken

Artikel aus "Wirtschaftswoche" Heft 32/2002

"Jede große Reform hat nicht darin bestanden, etwas Neues zu tun,
sondern etwas Altes abzuschaffen"

Henry Thomas Buckle

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DIE MONOPOLISTEN KASSIEREN JÄHRLICH ÜBER EINE MILLIARDE EURO

Der schwarze Mann kam, kontrollierte und kassierte. Rund zwölf Euro für drei Minuten Arbeit. Werner Zöbisch aus Stuttgart fand das zu viel für eine kurze Abgasüberprüfung seiner Heizung. "Bei meiner modernen Gasheizung entstehen keine Rückstände. Die jährlichen Messungen sind überflüssig", ärgerte sich der Ingenieur. Am liebsten hätte er den Feger bei der nächsten Überprüfung gar nicht in sein Haus gelassen. Doch der drohte mit Bußgeld und wies darauf hin, dass bis zu zwei Wochen Zwangshaft angeordnet werden könnten, falls er nicht Zutritt erhalte. Zöbisch gab nach.

Vielen der rund 19 Millionen Heizungsbesitzer in Deutschland geht es ähnlich wie dem Ingenieur aus Schwaben. Sie haben moderne Gas- oder Ölheizungen, die nahezu rußfrei arbeiten. Dennoch kommt meist einmal im Jahr der Kaminwart, kontrolliert Heizungsbrenner, Abgase und Schornstein - und kassiert im Durchschnitt zwischen 40 und 50 Euro pro Besuch. Über eine Milliarde Euro Gebühren nehmen die rund 20 000 Schornsteinfeger in Deutschland jährlich ein. Die Kundschaft darf nicht zu billigeren Konkurrenten wechseln, weil deutsche Schornsteinfeger ein Monopol besitzen. Wettbewerb existiert nicht.

Dass die schwarze Zunft weder Konkurrenz noch Arbeitslosigkeit fürchten muss, verdankt sie einem Gesetz aus dem Jahr 1935. Danach ist das ganze Land in Kehrbezirke einzuteilen. Dort regiert der Bezirksschornsteinfegermeister, der sein Gebiet vom zuständigen Regierungspräsidium zugewiesen bekommt. Ein "angemessenes Einkommen" ist dem Schlotfeger damit von Staats wegen garantiert. Er hat Zutrittsrecht zu jedem Haus - notfalls mit staatlicher Gewalt. So standen vor dem Haus von Jürgen Schöbel aus dem rheinland-pfälzischen Altrip Anfang dieses Jahres drei Polizisten und drohten, die Tür aufbrechen zu lassen, wenn er den Kaminkehrer nicht hineinlasse. Mehrmals hatte Schöbel zuvor den Schlotfeger abgewiesen. Dem wurde es schließlich zu bunt, er alarmierte die Staatsgewalt.

Doch der Druck auf die schwarzen Männer wächst. Kunden haben sich zu Aktionsgemeinschaften zusammengeschlossen und machen über das Internet mobil (www.kontra-schornsteinfeger.de, www.monopole.de). Detailgenau beschreiben sie ihren Kampf gegen Ordnungsämter, Baurechtsbehörden und Regierungspräsidien. Mittlerweile sind sogar Petitionen an Bundestag und Europäischen Gerichtshof unterwegs. Die Zunft der Schlotfeger gibt sich gleichwohl gelassen. "Brände werden am besten durch die derzeitige Struktur verhütet - nämlich durch Schornsteinfeger, die dem Staat gegenüber rechenschaftspflichtig sind", argumentiert der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes des Schornsteinfegerhandwerks, Bertold Steinebach.

KRITIKER GLAUBEN, die Arbeit der Feger könne unter Wettbewerbsbedingungen ebenso gut erledigt werden - und das deutlich billiger. So schlägt der Landesrechnungshof Schleswig Holstein in einer aktuellen Studie vor, sich bei den Emissionsmessungen am System der Abgasuntersuchung für Kraftfahrzeuge zu orientieren. Die vorgeschriebenen Überprüfungen der Abgaswerte könnten dann qualifizierte Heizungsbauer übernehmen und eine Emissionsprüfplakette vergeben. Auf diese Weise ließe sich das Gebührenaufkommen für Schornsteinfegerleistungen im Küstenstaat um mehr als ein Drittel reduzieren. Statt 33,2 Millionen Euro für Kehrleistungen hätten die Schleswig-Holsteiner nur noch 20,4 Millionen Euro zu zahlen.

Für spürbare Reformen müsste der Bund ran und das Schornsteinfegergesetz sowie die Bundesimmissionsverordnung novellieren. Doch die Lobby der Schornsteinfeger ist stark und gut organisiert. Die Beiträge der Schornsteinfeger für Ihre Innung gehören mit rund 2900 Euro pro Jahr zu den höchsten unter allen Handwerksberufen - die Kriegskasse für Lobbyarbeit ist also prall gefüllt. Besonders pikant darin: Die Innungsbeiträge zahlt letztlich der Kunde, da diese als Geschäftskosten in die Gebühren einfließen.

Die Bundesregierung will am Monopol nicht rütteln. "Kein Handlungsbedarf", heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. Ihre Hoffnung setzen gebührengeplagte Hausbesitzer daher in die EU-Kommission. Brüssel hat im Frühjahr eine Untersuchung des Schornsteinfegermonopols in Deutschland beschlossen. Die Kommission lässt prüfen, ob dadurch die Dienstleistungsfreiheit in der Union eingeschränkt wird und hat die Bundesregierung um Stellungnahme gebeten. So bleibt Kritikern der schwarzen Zunft wie dem Stuttgarter Werner Zöbisch zumindest ein Fünkchen Hoffnung auf eine Liberalisierung des Marktes der Kaminkehrer. Zöbisch: Mit der Beschäftigungstherapie auf Kosten der Bürger muss endlich Schluss sein."

RALF SPILLER

Leserbrief zu diesem Artikel:

"Es ist kaum zu glauben, dass nur das Volk der Dichter und Denker sich wider jegliche Vernunft Dienstleistungen mit keinerlei Nutzeffekt aufzwingen lässt.

Doch mit einem Mix von Aberglauben und Tabuthemen, wie verschmutzte Umwelt und mangelnde Sicherheit, lässt sich auch der letzte Politiker von der gutbetuchten Lobby der schwarzen Zunft herumkriegen."

Paul Theisen, Böblingen (Baden-Württemberg)

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