Die
Wahrheit und die Lüge
Ein litauisches
Märchen
Einmal
begegneten sich die Wahrheit und die Lüge. Sie fingen an, sich zu unterhalten.
Die Wahrheit sagt, daß die Menschen mit der Wahrheit besser in der Welt leben,
doch die Lüge behauptet, daß die Menschen es mit allerlei Betrug besser in der
Welt haben. Während sie so streiten, sagt die Lüge: "Ich wette hundert
Rubel, daß ich gewinne! Wollen wir vor Gericht entscheiden lassen, wer von uns
beiden Recht hat. Wenn ich verliere, gebe ich dir hundert Rubel, und wenn du
verlierst, dann gibst du mir hundert Rubel, und ich steche dir noch beide Augen
aus."
So
schlossen sie eine Wette ab und gingen zum Dorfrichter zum Prozeß. Die Wahrheit
trat vor und legte dem Richter ihre Wahrheit dar, doch die Lüge zeigte ihm
währenddessen in ihrem Brustausschnitt einen Hundertrubelschein. Das hieß: Wenn
du mir recht gibst, gebe ich dir diesen Hunderter. Der Dorfrichter verstand es
sofort, als sie ihm das zeigte, und sagte: "Mit der Lüge lebt der Mensch
besser in der Welt. Wer gut lügen kann, der kommt schnell voran."
So
hatte die Wahrheit den Prozeß verloren. Sie mußte hundert Rubel geben, und die
Lüge stach ihr noch beide Augen aus. Da sitzt die Ärmste nun ohne Augen. Da
kamen von ungefähr drei Teufel an. Der eine sagt: "Ich habe einen Mann und
seine Frau dazu gebracht, daß sie mit Messern aufeinander losgingen." Der
zweite sagt: "Ich habe Kinder dazu gebracht, daß sie stehlen und ihren
Eltern nicht gehorchen." Und der dritte sagt: "Ich habe heute die
ganze Schenke dazu verführt, sich zu betrinken und zu raufen." Die Lüge
hört die Reden der Teufel und sagt: "Alle eure Heldentaten sind doch in
Wirklichkeit ein Nichts! Aber ich habe von der Wahrheit selbst hundert Rubel
gewonnen und ihr noch beide Augen ausgestochen. Die Wahrheit ist von jetzt an
blind."
Doch
ein Teufel sagt: "O Lüge, der Johannistag liegt für dich noch in weiter
Ferne! Die Wahrheit kann weder im Wasser ertrinken noch im Feuer verbrennen.
Sie braucht nur ihre Augen mit dem Kräutlein Augenheil zu bestreichen, und
schon kann sie wieder sehen." Doch die Lüge sagt: "Und woher soll sie
solche Kräutlein bekommen?" Er sagt: "Aber sie sitzt doch unter
ihnen! Sie braucht nur etwas höher zu steigen, die Kräutlein zu pflücken, an
das eine Auge zu legen, an das andere - und schon kann sie wieder sehen."
Die
Teufel flogen davon, doch die Wahrheit hatte alles mit angehört. Sofort stieg
sie langsam auf den Berg, pflückte von den Kräutlein dort und legte sie an die
Augen. Sie hatte welche gefunden, die die Augen heilten, und ihre Augen wurden
wieder gesund. Und als sie das Licht wieder sehen konnte, da sagte sie:
"Ich muß mehr von diesem Heilkraut pflücken, vielleicht kann es noch
jemandem anderen helfen." Sie pflückte ein ganzes Tüchlein voll von diesen
guten Kräutlein, band die Ecken des Tuches zusammen und ging nach Hause.
Es
währte nicht lange, da wurde die Tochter des Königs an den Augen krank. Und was
auch versucht wurde, sie zu heilen - es half alles nichts, sie wurde gänzlich
blind. Da ließ der König in seinem und in den umliegenden Königreichen
verkünden: Wenn sich ein Arzt findet, der die Augen seiner Tochter zu heilen
vermag, so wird ihm der König die Hälfte seines Königreichs geben. Da
versammelten sich an seinem Hofe allerlei Ärzte, Zauberer und Hexenmeister und
versuchten, sie zu heilen, wie ein jeder es vermochte, doch niemand konnte ihr
helfen. Der König wurde zornig und befahl, alle Ärzte mit dem Besenstiel vom
Hofe zu jagen. Der König sann und sann, doch er fand keine Abhilfe.
Da
kommt einmal ein Diener des Königs zu ihm und sagt: "Es hat sich hier so
ein fremdländisches Weib eingefunden, das sich Wahrheit nennt. Sie will die
Tochter des Königs umsonst heilen, nur für den Dank, und die Hälfte des
Königreichs braucht sie nicht." Der König wunderte sich sehr und schickte
sofort Diener aus, die sie zu der blinden Königstochter führen sollten. Und
sogleich, als sie zur blinden Königstochter gekommen war, rieb sie mit einem
Kräutlein ein Auge ein, und sofort konnte sie mit dem Auge sehen. Sie rieb das
andere ein, und auch mit dem vermochte sie im selben Augenblick zu sehen.
Gleich als sie wieder sehen konnte, lief sie, so schnell ihre Füße sie tragen
konnten, zu ihrem Vater. Und der Vater, als er sie wieder so gesund sah,
umarmte und küßte sie in großer Freude.
Da
kam auch die Zauberin Wahrheit zum König. Und der König fragte sie: "Was
kann ich dir nun dafür schenken? Wenn du willst, so nimm die Hälfte aller
meiner Schätze, oder nimm die Hälfte meines Königreichs!" Da verneigt sich
die Wahrheit vor dem König und sagt: "Ich brauche weder deine Schätze noch
Königreiche. Wenn du willst, so kannst du mich zum Obersten Richter in deinem
Land machen und gebieten, daß keiner von deinen Richtern einen Prozeß ohne mich
zu Ende führt."
Der
König ordnete sogleich alles an, wie die Wahrheit es wollte. Von der Zeit an
herrschte in allen Prozessen dieses Reiches nur allein die Wahrheit. Die Lüge
durfte nicht einmal die Nase über die Grenzen des Landes stecken. Und so siegte
die Wahrheit über die Lüge.