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Ein neuer Beruf: Schornsteinfeger.
Als der Mensch das Feuer erfand,
rechnete er nicht mit dem Ruß. Dieser entsteht bei unvollkommener Verbrennung
und bleibt dort haften, wo der Rauch nach oben zieht. Das führte in früheren
Zeiten häufig zu den gefürchteten Kaminbränden. Um das vorsorgliche Kehren
der Kamine kümmerte sich jeder Hausbesitzer selber, bis die Schornsteinfeger
ihre Dienste anboten. Schon vor 300 Jahren bildeten diese in Berlin eine
Innung. Die Schornsteinfeger stiegen zum Kehren in die Kamine. Als die der
Neubauten immer enger wurden, machten es Waisenkinder. Zeitgenossen aus der
Mitte des 19. Jahrhunderts berichten von Scharen rußgeschwärzter Buben im
Gefolge eines Schornsteinfegers in Berliner Straßen. Schließlich stiegen
schwindelfreie Schornsteinfeger auf die Dächer, um von dort die Kehrbesen
herabzulassen. Mythos und Aberglaube.
Zum Jahreswechsel holten sich
die norddeutschen Schornsteinfeger ihren Jahreslohn bei den Hausherren ab.
Dabei wünschten sie ihnen viel Glück im Neuen Jahr. Daher rührt das Image des
Schornsteinfegers als Glücksbringer: ein schwarzer Mann mit Zylinder und
Leiter. Politiker und Schornsteinfeger schätzen es, zum Jahreswechsel
gemeinsam fotografiert zu werden, was beider Unentbehrlichkeit betont. Der
Leitspruch der Schornsteinfeger lautet "Zum Glück gibt es den
Schornsteinfeger". Geht den Schornsteinfegern die Arbeit aus?
Als die modernen Öl- und
Gasbrenner aufkamen, wurde der Ruß immer weniger. Gasbrenner hinterlassen
keinen Ruß, Ölbrenner nur wenig. Die dennoch vorhandenen geringen, aber
schwer entflammbaren, Verbrennungsrückstände fallen größtenteils durch die
Schwerkraft auf die Kaminsohle herab. Den Rest kratzt der Schornsteinfeger
mit seinem Kehrbesen von den Kaminwänden. Da die Flamme des Brenners weder
Abzugsrohr noch Kamin erreichen kann, besteht keinerlei Brandgefahr mehr.
Also hat der Mohr seine Schuldigkeit getan und der Schornsteinfeger kann
gehen. Weit gefehlt! Neue Aufgaben für die Schornsteinfeger.
So, wie einst der fette Ruß an
den Kaminwänden klebte, klebt der Schornsteinfeger heute an seinen fetten
Pfründen. Das mehrmalige jährliche Kehren wurde zwar allmählich auf ein
einmaliges reduziert. Als Ersatz übertrug man den Schornsteinfegern zunächst
die jährliche Emissionsmessung der Heizkessel. Diese Aufgabe würde dem TÜV,
der gleiches beim Auto macht, eher anstehen. Im Gegensatz zum viel
strapazierten Auto dürfte die Kontrolle bei den stationären Heizkesseln
seltener stattfinden! Statt in kleinen Schritten die Zahl der
Schornsteinfeger abzubauen, wurden es immer mehr. Willfährige Ministerialbeamte
erdachten sich weitere, bislang unbekannte, Tätigkeiten für die
Schornsteinfeger aus: Zunächst alle 5 Jahre die sogenannte Feuerstättenschau.
Später die jährliche Kontrolle der bislang störungsfrei arbeitenden
Abzugsrohre vom Heizkessel zum Kamin; die er bei manchen Anlagen unbedingt
kehren muss. Wegen Spinnen, Wespen und Vögeln muss gekehrt
werden.
Fragt man den Schornsteinfeger
nach der Notwendigkeit des jährlichen Kehrens der sauberen Kamine, wird man
belehrt, daß Spinngewebe, Wespennester, Vogelnester oder gar herabgefallene
Tauben den Kamin verstopfen könnten. Die Folge wäre die zum Tode führende
Kohlenmonoxidvergiftung. Der Preis der unnützen Arbeit.
Die weit übertriebenen und
nutzlosen Dienstleistungen haben ihren Preis. Des Schornsteinfegers Pfründe
ist der Kehrbezirk, der ihm als beliehenen Unternehmer zugeteilt ist. Dieser
bringt ihm und in der Regel einem Gesellen in Baden-Württemberg (BW) bei minimalen
Betriebskosten etwa 1/4 Mio. DM im Jahr ein. In BW gab es Ende 1984 noch 623
Kehrbezirke, 10 Jahre später waren es bereits 944: eine Steigerungsrate von
über 50%. Soviel neue Häuser wurden in 15 Jahren auch im Land der Häuslebauer
nicht errichtet. Eine für 1999 groß angekündigte Reform verminderte die Zahl
der Kehrbezirke lediglich um 9. Die Gebühren wurden lediglich umgeschichtet. Woanders muß gespart werden Mythos.
Die etwa 8000 Kehrbezirke in der
Bundesrepublik erbringen die beachtliche Summe von knapp 2,5 Mrd. DM im Jahr,
mit steigender Tendenz. Soviel beträgt etwa der Jahresetat der auf Zukunft
ausgerichteten 78 Max-Planck-Institute. Diese beschäftigen mehr Personal als
es Schornsteinfeger gibt. Während die Schornsteinfeger wie die Made im Speck
leben, arbeiten viele der Wissenschaftler in Zeitverträgen und bangen ob der
knappen Mittel um ihren Job. Zweierlei Sicherheitsstandards.
Der Gegensatz im
Sicherheitsdenken innerhalb der EU kann nicht größer sein: In Österreich sind
moderne Bergbahnen als unbrennbar eingestuft. Dagegen gelten Deutschlands
Ofenrohre als Gefahrenquelle, obgleich kein einziger Schadensfall nachweisbar
ist. Sicherheit ist auch billiger zu haben.
Können wir uns im globalen
Wettbewerb den folkloristischen Luxus mit den vielen überflüssig gewordenen
"Glückbringern" leisten? Es sind Wohnnebenkosten, die da zu Buche
schlagen. Würden sie alljährlich als Staatsausgaben anfallen, wäre das
Schornsteinfegerwesen nicht derart ins Kraut geschossen. Mit einem Bruchteil
der heutigen Kosten ließe sich ein nicht minder hoher Standard an
Feuersicherheit und Umweltschonung erzielen. Eine temporäre Regulierungsinstanz muss her.
Da aber mit kleiner Münze von
privater Seite bezahlt wird, war der Staat an einer Entmonopolisierung und
Deregulierung im Sinne wirklich notwendiger Erfordernisse an Sicherheit
bislang nicht interessiert. Im Gegenteil: überforderte Staatsdiener schrieben
längst überholte Tätigkeiten fest und erfanden noch neue hinzu. Die Erfolge
auf anderen Gebieten, wie z.B. der Zerschlagung und Liberalisierung der
ehemaligen Bundespost, müßten den Staat zu wirklichen Reformen ermuntern.
(2000) |
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