Ein kritischer Blick hinter die Kulissen


"Bei Experten muß man unterscheiden:
Verstehen sie sich auf etwas oder verstehen sie etwas davon?"

Werner Schneyder


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Ein neuer Beruf: Schornsteinfeger.

Als der Mensch das Feuer erfand, rechnete er nicht mit dem Ruß. Dieser entsteht bei unvollkommener Verbrennung und bleibt dort haften, wo der Rauch nach oben zieht. Das führte in früheren Zeiten häufig zu den gefürchteten Kaminbränden. Um das vorsorgliche Kehren der Kamine kümmerte sich jeder Hausbesitzer selber, bis die Schornsteinfeger ihre Dienste anboten. Schon vor 300 Jahren bildeten diese in Berlin eine Innung. Die Schornsteinfeger stiegen zum Kehren in die Kamine. Als die der Neubauten immer enger wurden, machten es Waisenkinder. Zeitgenossen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts berichten von Scharen rußgeschwärzter Buben im Gefolge eines Schornsteinfegers in Berliner Straßen. Schließlich stiegen schwindelfreie Schornsteinfeger auf die Dächer, um von dort die Kehrbesen herabzulassen.

Mythos und Aberglaube.

Zum Jahreswechsel holten sich die norddeutschen Schornsteinfeger ihren Jahreslohn bei den Hausherren ab. Dabei wünschten sie ihnen viel Glück im Neuen Jahr. Daher rührt das Image des Schornsteinfegers als Glücksbringer: ein schwarzer Mann mit Zylinder und Leiter. Politiker und Schornsteinfeger schätzen es, zum Jahreswechsel gemeinsam fotografiert zu werden, was beider Unentbehrlichkeit betont. Der Leitspruch der Schornsteinfeger lautet "Zum Glück gibt es den Schornsteinfeger".

Geht den Schornsteinfegern die Arbeit aus?

Als die modernen Öl- und Gasbrenner aufkamen, wurde der Ruß immer weniger. Gasbrenner hinterlassen keinen Ruß, Ölbrenner nur wenig. Die dennoch vorhandenen geringen, aber schwer entflammbaren, Verbrennungsrückstände fallen größtenteils durch die Schwerkraft auf die Kaminsohle herab. Den Rest kratzt der Schornsteinfeger mit seinem Kehrbesen von den Kaminwänden. Da die Flamme des Brenners weder Abzugsrohr noch Kamin erreichen kann, besteht keinerlei Brandgefahr mehr. Also hat der Mohr seine Schuldigkeit getan und der Schornsteinfeger kann gehen. Weit gefehlt!

Neue Aufgaben für die Schornsteinfeger.

So, wie einst der fette Ruß an den Kaminwänden klebte, klebt der Schornsteinfeger heute an seinen fetten Pfründen. Das mehrmalige jährliche Kehren wurde zwar allmählich auf ein einmaliges reduziert. Als Ersatz übertrug man den Schornsteinfegern zunächst die jährliche Emissionsmessung der Heizkessel. Diese Aufgabe würde dem TÜV, der gleiches beim Auto macht, eher anstehen. Im Gegensatz zum viel strapazierten Auto dürfte die Kontrolle bei den stationären Heizkesseln seltener stattfinden! Statt in kleinen Schritten die Zahl der Schornsteinfeger abzubauen, wurden es immer mehr. Willfährige Ministerialbeamte erdachten sich weitere, bislang unbekannte, Tätigkeiten für die Schornsteinfeger aus: Zunächst alle 5 Jahre die sogenannte Feuerstättenschau. Später die jährliche Kontrolle der bislang störungsfrei arbeitenden Abzugsrohre vom Heizkessel zum Kamin; die er bei manchen Anlagen unbedingt kehren muss.

Wegen Spinnen, Wespen und Vögeln muss gekehrt werden.

Fragt man den Schornsteinfeger nach der Notwendigkeit des jährlichen Kehrens der sauberen Kamine, wird man belehrt, daß Spinngewebe, Wespennester, Vogelnester oder gar herabgefallene Tauben den Kamin verstopfen könnten. Die Folge wäre die zum Tode führende Kohlenmonoxidvergiftung.

Der Preis der unnützen Arbeit.

Die weit übertriebenen und nutzlosen Dienstleistungen haben ihren Preis. Des Schornsteinfegers Pfründe ist der Kehrbezirk, der ihm als beliehenen Unternehmer zugeteilt ist. Dieser bringt ihm und in der Regel einem Gesellen in Baden-Württemberg (BW) bei minimalen Betriebskosten etwa 1/4 Mio. DM im Jahr ein. In BW gab es Ende 1984 noch 623 Kehrbezirke, 10 Jahre später waren es bereits 944: eine Steigerungsrate von über 50%. Soviel neue Häuser wurden in 15 Jahren auch im Land der Häuslebauer nicht errichtet. Eine für 1999 groß angekündigte Reform verminderte die Zahl der Kehrbezirke lediglich um 9. Die Gebühren wurden lediglich umgeschichtet.

Woanders muß gespart werden Mythos.

Die etwa 8000 Kehrbezirke in der Bundesrepublik erbringen die beachtliche Summe von knapp 2,5 Mrd. DM im Jahr, mit steigender Tendenz. Soviel beträgt etwa der Jahresetat der auf Zukunft ausgerichteten 78 Max-Planck-Institute. Diese beschäftigen mehr Personal als es Schornsteinfeger gibt. Während die Schornsteinfeger wie die Made im Speck leben, arbeiten viele der Wissenschaftler in Zeitverträgen und bangen ob der knappen Mittel um ihren Job.

Zweierlei Sicherheitsstandards.

Der Gegensatz im Sicherheitsdenken innerhalb der EU kann nicht größer sein: In Österreich sind moderne Bergbahnen als unbrennbar eingestuft. Dagegen gelten Deutschlands Ofenrohre als Gefahrenquelle, obgleich kein einziger Schadensfall nachweisbar ist.

Sicherheit ist auch billiger zu haben.

Können wir uns im globalen Wettbewerb den folkloristischen Luxus mit den vielen überflüssig gewordenen "Glückbringern" leisten? Es sind Wohnnebenkosten, die da zu Buche schlagen. Würden sie alljährlich als Staatsausgaben anfallen, wäre das Schornsteinfegerwesen nicht derart ins Kraut geschossen. Mit einem Bruchteil der heutigen Kosten ließe sich ein nicht minder hoher Standard an Feuersicherheit und Umweltschonung erzielen.

Eine temporäre Regulierungsinstanz muss her.

Da aber mit kleiner Münze von privater Seite bezahlt wird, war der Staat an einer Entmonopolisierung und Deregulierung im Sinne wirklich notwendiger Erfordernisse an Sicherheit bislang nicht interessiert. Im Gegenteil: überforderte Staatsdiener schrieben längst überholte Tätigkeiten fest und erfanden noch neue hinzu. Die Erfolge auf anderen Gebieten, wie z.B. der Zerschlagung und Liberalisierung der ehemaligen Bundespost, müßten den Staat zu wirklichen Reformen ermuntern. (2000)