Folklore im Banne der Speichellecker

oder

Knigge für Minister


"Ein Narr lobt den andern."

Deutsches Sprichwort


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"Ich weiß, dass ich hässlich korrupt bin.
Aber ich will nicht, dass man es mir sagt."

frei nach Voltaire



Lobhudeleien


 

Bei der Innungsversammlung der Schornsteinfegerinnung für den Regierungsbezirk Stuttgart am 14.12.2000 im Bürgerzentrum in Waiblingen konnte Obermeister Wolfgang Stoll den amtierenden Wirtschaftsminister des Landes Baden-Württemberg, Dr. Walter Döring, als Gastredner begrüßen.

Eine Kollegin und über 50 Kollegen hatten in Berufskleidung in den ersten Reihen des Saales Platz genommen und boten somit eine imposante Kulisse .

In einer eindrucksvollen Rede gelang es Minister Dr. Walter Döring immer wieder, die anwesenden 340 Mitglieder der Innung zu Beifallsstürmen zu verleiten. Es war bei weitem keine von den üblichen sogenannten Politiker-Sonntagsreden , sondern ein mit erstaunlich hoher fachlicher Kompetenz und spontanen Anmerkungen des Ministers gewürzter Vortrag. Dass der Minister auch nicht den geringsten Versuch unternahm, bei seinen Anmerkungen seine Muttersprache zu verleugnen, brachte ihm besondere Sympathien ein. In deutlichen Worten und ohne Umschweife erklärte er:

" Ich stehe als Wirtschaftsminister zu Ihrem Handwerk, weil sie wichtige und zum Teil unverzichtbare Aufgaben für unsere Gesellschaft übernehmen." Es gibt nicht wenige, die das Schornsteinfegerhandwerk als Überbleibsel einer monopolitischen, längst vergangener Wirtschaftsordnung kritisieren. " Dies ist ungerecht, denn Sie haben zwar einen geschützten Arbeitsbereich, können aber ihre eigenen Preise nicht bestimmen . Mit der sinngemäßen Feststellung das Kehrmonopol liegt nicht bei Ihnen, sondern beim Staat und stellt somit eine moderne Form zur Erledigung von Staatsaufgaben dar, die ansonsten von Beamten wahrgenommen werden müssten ", erntete der Minister den verdienten Beifall .

Dass gerade ein Minister, der einer liberalen Partei angehört , solch unmissverständliche Äußerungen über den Status des Schornsteinfegerhandwerks von sich gab, überraschte die Anwesenden mit Erstaunen und Freude. Die fachliche Kenntnis des Ministers über das Schornsteinfegerhandwerk hat er wohl seinem Mitarbeiter Oberamtsrat Stehmer, der als Ressortleiter für das Schornsteinfegerhandwerk in Baden-Württemberg fungiert, zu verdanken.

Am Ende seines Berichtes bedankte sich Wirtschaftsminister Dr. Walter Döring bei Obermeister Stoll für die aufwendige und anstrengende Arbeit in bezug auf die Neueinteilung der Kehrbezirke . Nach einem lang anhaltenden Beifall überreichte ihm OM Stoll ein Geschenk in Form von einem guten Tropfen Württemberger. Vom hauseigenen Nikolaus erhielt der Minister einen Glücksbringer , der ihn besonders vor Unfällen beschützen soll.

Minister Dr. Döring ließ es sich nicht nehmen, nach seiner Rede noch den Bundessieger des praktischen Leistungswettbewerbs der Handwerksjugend im Schornsteinfegerhandwerk, Thomas Zieche, zu ehren. Mit einem Geschenk der Landesregierung würdigte der Minister die Leistungen von Thomas Zieche und versäumte es nicht, seinem Ausbilder Frank Spiegel persönlich mit Handschlag für sein Engagement zu danken.

Beim anschließenden Fototermin, bei dem die Kollegin und die Kollegen in Berufskleidung den Minister in Ihre Mitte nahmen , kam seine humorvolle Art und seine jugendliche Ausstrahlung voll zur Geltung.

Alles in allem kann man sagen, dass es doch noch Politiker gibt, die deutliche Worte reden und trotz ihres hohen Amtes menschlich auf dem Boden geblieben sind.

 



Mein Kommentar


 

Würde Wirtschaftsminister Dr. Döring (FDP) bei jeder Innungsversammlung der zahlreichen Innungen eines jeden Regierungsbezirks des Bundeslandes Baden-Württemberg als Gastredner auftreten, bliebe ihm kaum Zeit, seine administrativen Pflichten zu erledigen. Da ich aber annehme, dass Dr. Döring seine Amtspflichten sehr ernst nimmt, er aber keine Handwerksinnung im Stich lassen möchte, kommt er nicht umhin, ein Double zu beauftragen.

Ich bin mir nicht sicher, ob der Minister beim Landesinnungsverbandstag der Schornsteinfeger in Isny persönlich zugegen war.

Sollte der Minister im obigen Falle aber ausnahmsweise persönlich erschienen sein, so hat er zumindest die Schornsteinfeger nicht getäuscht. Es ist aber wünschenswert, dass sich die Bevorzugung der Schornsteinfeger nicht in baden-württembergischen Handwerkerkreisen herumspricht. Denn dann fühlten sich alle Handwerker - mit Ausnahme der Schornsteinfeger - nicht nur vom Minister an der Nase herumgeführt, sondern auch als Handwerker zweiter Klasse.

 



Ordensverleihung in Plochingen


 

Bundesverdienstkreuz für schwarzen Mann

PLOCHINGEN: Hans-Ulrich Gula erhält Orden

Hohe Auszeichnung für den Schornsteinfeger: Der Plochinger Hans-Ulrich Gula erhielt das Bundesverdienstkreuz am Bande. Dazu kam der Baden-württembergische Wirtschaftsminister Walter Döring ins Alte Rathaus, um Gula den Orden eigenhändig ans Revers zu heften.

Seit 14 Jahren leitet Hans-Ulrich Gula den Landesinnungsverband des Schornsteinfegerhandwerks und ist ehrenamtlich in zahlreichen Funktionen des Schornsteinfegerhandwerks, als ehrenamtlicher Richter, als Vorsitzender des Ski-Clubs Plochingen und war 28 Jahre lang als Feuerwehrmann in Plochingen aktiv.

Döring würdigte Gula in seiner Rede als einen Menschen, der sich "durch seine offene und ehrliche Art bei allen ein großes Ansehen erworben hat". Seine Kompetenz, seine fundierte Qualifikation und sein Wissen sowie seine faire Art der Zusammenarbeit werde von allen Partnern in der Wirtschaft, der Politik und bei den Behörden geschätzt, betonte der Wirtschaftsminister. ...

 



Wichtiger Nachtrag


 

Ordensverleihung im Stuttgarter Wirtschaftsministerium

Aus unzuverlässiger Quelle wurde mir berichtet, dass dem Baden-Württembergischen Wirtschaftsminister Dr. Döring im Rahmen eines Festaktes im Stuttgarter Wirtschaftsministerium vom Landesinnungsverband des Schornsteinfegerhandwerks der Verdienst-Orden des Goldenen Kamins verliehen worden sei.

Im Namen der 'Interessengemeinschaft Schornsteinfeger-Problem' möchte ich den Geehrten zur Ordensverleihung recht herzlich beglückwünschen.

Möge es dem Minister noch oft vergönnt sein, sich im wohlvertrauten Kreise seiner schwarzen Kumpane sehen und feiern zu lassen!

Zur Geschichte der Verdienstorden der Schornsteinfeger:

Gegen den ursprünglichen Verdienst-Orden des Goldenen Besens legten die Schwäbischen Hausbesitzerbände mit Erfolg Rechtsmittel ein. Die Plakette Goldener Besen wird nämlich schon seit jeher für hervorragende Reinlichkeit bei der Ausübung der 'Schwäbischen Kehrwoche' verliehen.

Aus dem Begründungstext der Klage ist zu entnehmen: Eine Namensgleichheit könne dazu führen, dass die 'Schwäbische Kehrwoche' bei den Mietern in Misskredit geriete. Bei der 'Schwäbischen Kehrwoche' ginge es nur um Reinlichkeit und Hygiene. Wogegen das zwangsweise Kehren der zumeist sauberen Kamine zu einer Schutzgeldzahlung an behördliche Günstlinge verpflichte.

 



Der volle Wortlaut der Rede des Baden-Württembergischen Wirtschaftsministers, gehalten am 14.Dezember 2000 in Waiblingen


 

Sehr geehrter Herr Obermeister Stoll, meine sehr geehrten Schornsteinfegermeisterinnen und Schornsteinfegermeister, meine sehr geehrten Damen und Herren,

bei so vielen Schornsteinfegern im Saal wird das Glück nicht ausbleiben, ich hoffe es reicht bis zu der nächsten Landtagswahl ...

Ein herzliches "Glück auf" gilt auch Ihnen, sehr geehrter Herr Bundesinnungsmeister Steichele und Ihnen Herr Landesinnungsmeister Gula.

"Der Schornsteinfeger gehört als Gewerbetreibender dem Handwerk an. Bei seinen Überwachungsaufgaben nimmt er öffentliche Aufgaben wahr".
So das Schornsteinfegergesetz.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

kein anderes Handwerk beschäftigt das Wirtschaftsministerium so viel wie das Schornsteinfegerhandwerk.

Dies liegt daran, dass Sie nicht nur Gewerbetreibende sind, sondern auch nur dann tätig sein können, wenn Sie eine öffentliche Bestellungsurkunde in der Hand haben.

Über ihr Handwerk wachen die Stadt- und Landkreise, das Regierungspräsidium Stuttgart und das Wirtschaftsministerium.

Wir versuchen die spannende Frage zu lösen, wie bei häuslichen Feuerstätten die öffentlichen Aufgaben Feuersicherheit, Immissionsschutz, Energieeinsparung und Bauüberwachung nicht von Beamten, sondern von Handwerksbetrieben erledigt werden können.

Auch wenn ein Handwerksmeister reinigt, überprüft oder misst, bleibt die Tätigkeit eine öffentliche Aufgabe mit staatlichem Eingriffscharakter.

Dies ist in einer Zeit, in der in allen Bereichen Regulierungen zurückgefahren werden müssen, um vor allem der Wirtschaft Handlungsbedarf zu erhalten, keine einfache Aufgabe.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

lassen Sie mich jedoch zuerst auf das Handwerk insgesamt kommen, das zu dem Kernbereich des Wirtschaftsministeriums gehört.

Ich konnte in den letzten viereinhalb Jahren einen vielfältigen Kontakt zu den verschiedenen Handwerksorganisationen sowohl auf betrieblicher als auch auf Kammer- und verbandspolitischer Ebene pflegen.

Nicht zuletzt ist für mich auch das Gespräch mit den Vertretern der örtlichen Handwerksorganisationen auf Kreishandwerks- oder Innungsebene ein wichtiger Informations- und Impulsgeber für meine politische Arbeit.

Ohne das ehrenamtliche Engagement von Persönlichkeiten in den Handwerksorganisationen hätte das Handwerk in Baden-Württemberg nicht die Bedeutung erlangt, die es heute hat.

Das Ehrenamt in dem Handwerk ist unauflöslich mit dem in der Handwerksordnung verankerten Prinzip der wirtschaftlichen Selbstverwaltung verknüpft.

Die Ehrenamtsträger im Handwerk gewährleisten durch ihre eigene unternehmerische Erfahrung ein hohes Maß an Kompetenz und Praxisnähe und sind damit als Vertreter der Handwerksorganisationen ein unverzichtbarer Gesprächspartner auf allen politischen Ebenen.

So haben Sie wesentlichen Einfluss auf die Rechtsvorschriften, die in einem Ministerium entworfen werden.

Der Landesinnungsverband und die Schornsteinfegerinnung für den Regierungsbezirk Stuttgart haben das mit ihrer Hilfe bei der Vorbereitung der neuen Kehr- und Überprüfungsordnung und bei der letzten Kehrbezirkseinteilung geradezu vorbildlich praktiziert.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

gut jeder fünfte Arbeitnehmer im Südwesten ist in einem Handwerksbetrieb beschäftigt.

Über Gesellenausbildung und Meisterbrief eröffnen sich hervorragende Chancen für eine selbstständige Tätigkeit im Handwerk.

So legt jeder fünfte Geselle über kurz oder lang die Meisterprüfung ab, und durchschnittlich jeder zweite Handwerksmeister wagt den Schritt in die Selbstständigkeit.

Im Schornsteinfegerhandwerk sind diese Zahlen natürlich um ein Vielfaches höher:

Weit über 90% Ihrer Gesellen möchten das Berufsziel Bezirksschornsteinfegermeister erreichen und unterziehen sich der qualitativ hochstehenden Vorbereitungskurse zu der Meisterprüfung.

Auch wenn Sie nach Abschluss der Meisterprüfung noch über zehn Jahre warten müssen, bis Sie einen Kehrbezirk erhalten können, ist dies für Sie eine lohnende Perspektive, die auch in der sich wandelnden Wirtschaftsordnung ihren Platz hat.

In der Schornsteinfegerinnung für den Regierungsbezirk Stuttgart sind sämtliche 343 Bezirksschornsteinfegermeister Mitglied ihrer Innung.

Dieser 100%-ige Organisationsgrad in der freiwilligen Interessenvertretung, der Innung, war stets die gesellschaftliche und politische Stärke des Schornsteinfegerhandwerks.

Dies ist bemerkenswert in einer Zeit, in der der Organisationsgrad in anderen Handwerksinnungen kontinuierlich sinkt.

Es ist vor allem auch ein Zeichen der Wertschätzung für Ihre Arbeit, Herr Stoll, mit Ihren Vorstandsmitgliedern und der Geschäftsstelle in Waiblingen.

Das Wirtschaftsministerium versucht, Ihnen ein verlässlicher Partner zu sein, auch wenn wir nicht alle Wünsche Ihres Handwerks in Verordnungen und Verwaltungsvorschriften umsetzen können.

Haben Sie bitte auch dafür Verständnis, dass in der heutigen Zeit nicht alles nach Punkt und Komma und in jeder möglichen Variation geregelt sein kann.

Dies schnürt nicht nur die Wirtschaft ein, sondern ist auch für den Bürger nicht mehr einsichtig.

So muss es auch einmal genügen, wenn Sie als Fachmann für Heizungs- und Energiefragen vor Ort Ihren Kunden erklären, weiche energiesparenden Möglichkeiten in seinem Gebäude bestehen.

Dazu muss es nicht eine ausdrückliche Verwaltungsanweisung des Wirtschaftsministers geben.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

lassen Sie mich noch ein paar Worte zu der derzeitigen Konjunkturlage sagen, damit auch der wirtschaftliche Hintergrund der Entscheidungen des Wirtschaftsministeriums klar wird.

Nach dem aktuellen Wirtschaftsbericht des Baden-Württembergischen Handwerkstages hat sich der wirtschaftliche Aufschwung im Handwerk - wenn auch auf hohem Niveau - verlangsamt.

Getragen wird die wirtschaftliche Dynamik im baden-württembergischen Handwerk vor allem durch die Indikatoren Umsätze und Auftragseingänge.

Immerhin betrachten vier von fünf befragten Handwerksunternehmen ihre derzeitige Geschäftslage als "gut" oder "zufriedenstellend".

Das verbesserte Konjunkturklima hat dagegen noch keine spürbaren Verbesserungen bei der Beschäftigung und den Investitionen im Handwerk bewirkt.

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres waren 0,7% oder etwa 5200 Personen weniger im Handwerk beschäftigt als 1999.

Die wirtschafts-, steuer- und sozialpolitischen Rahmenbedingungen des Bundes senden nach meiner Auffassung immer noch keine ausreichenden Impulse, um die wirtschaftliche Lage und Entwicklung im baden-württembergischen Handwerk nachhaltig zu stimulieren.

In der Wirtschaftspolitik des Landes stehen demgegenüber die Interessen des Handwerks als einem der wichtigsten Vertreter der kleinen und mittleren Unternehmen im Zentrum des Handelns.

Wir haben das Mittelstandsförderungsgesetz aus dem Jahr 1975 in diesem Jahr neu gefasst und in den Landtag eingebracht.

Die wichtigsten Punkte des neuen Gesetzes sind mittelstandsfreundliche Änderungen in den Vergabebestimmungen für die öffentliche Hand und die Ausweisung von "Existenzgründungen und Betriebsübernahmen" als Kernbereich der Mittelstandsförderung.

Für alle Handwerksorganisationen wird es nach Verabschiedung des Gesetzes sehr wichtig sein, dass sich das Land ausdrücklich zu einer "angemessenen und stetigen Finanzausstattung" für diese Kernbereiche der Mittelstandsförderung verpflichtet.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

als beliehene Unternehmer des Staates haben Sie nicht die Sorgen und Nöte eines Handwerksmeisters, der täglich nach neuen Aufträgen schauen muss, um seinen Betrieb erfolgreich weiter zu führen.

Für Sie stehen andere Fragen ganz oben auf der Tagesordnung.

Die erste Frage wird sein:

Wie kann sich ein reguliertes Handwerk im Zeichen des verschärften Wettbewerbs auf nationaler und internationaler Ebene behaupten?

Es gibt nicht wenige, die das Schornsteinfegerhandwerk als Überbleibsel einer monopolistischen, längst vergangenen Wirtschaftsordnung kritisieren.

Dies ist ungerecht, denn Sie haben zwar einen geschützten Arbeitsbezirk, aber Sie können Ihre eigenen Preise nicht bestimmen.

Das so genannte "Kehrmonopol" liegt nicht bei Ihnen, sondern beim Staat, der Sie mit den jeweiligen Aufgaben beauftragt und der auch nach den Regeln der öffentlichen Eingriffsverwaltung die Gebühren festlegt.

Dies ist eigentlich eine moderne Form der Erledigung von Staatsaufgaben, die ansonsten Beamte wahrnehmen müssten.

Sämtliche vom Staat zwangsweise auferlegten Aufgaben sind jedoch immer mehr in der öffentlichen Kritik und müssen in immer kürzeren Zeiträumen auf den Prüfstand gestellt werden.

Ich stehe als Wirtschaftsminister zu Ihrem Handwerk, weil Sie wichtige und zum Teil unverzichtbare Aufgaben für unsere Gesellschaft erledigen.

Dies gilt jedoch mit der Maßgabe, dass wir uns immer wieder neu die Frage stellen müssen, inwieweit die von Ihnen durchzuführenden Aufgaben noch notwendig sind und in welcher Art und Weise diese vor Ort erledigt werden.

In diesem Sinne war die neue Kehrordnung, die zum 1. Januar 2000 in Kraft getreten ist, wegweisend und beispielgebend für die ganze Bundesrepublik.

Wir haben in beispielhafter Transparenz und mit einem hohen fachlichem Hintergrund sämtliche Aufgaben Ihres Handwerks in Baden-Württemberg überprüft und neu positioniert.

Herausgekommen ist mit Ihrer Hilfe eine neue Rechtsgrundlage für Ihr Handwerk, die

- die technische Entwicklung der Heizgeräteindustrie berücksichtigt,

- die Belastungen der einzelnen Bürger verringert,

- zu mehr Service und Kundenzufriedenheit führen wird und

- eine höhere Gebührengerechtigkeit gebracht hat.

Und dies bei gleicher Qualität für die Brand- und Betriebssicherheit häuslicher Feuerungsanlagen.

Wir haben nicht nur die Sorgen vieler Bürger nach mehr Kundenorientierung entgegen genommen, sondern in der neuen Kehrordnung auch Konsequenzen gezogen:

- mit dem verbindlichen Anmeldetermin zwei Werktage vor der Arbeit,

- mit den Zusammenlegungen von Kehr-, Mess- und Überprüfungsarbeiten und

- mit dem "Wunschtermin" für den Kunden.

Es liegt nun an Ihnen, diese Kundenwünsche so zu erfüllen, wie es von einem modernen Dienstleistungsunternehmen erwartet wird.

Zufriedene Kunden erleichtern in Zukunft Ihre Arbeit vor Ort und die Arbeit der Verwaltungsbehörden, die sich noch zu oft mit Beschwerden aus dem Schornsteinfegerbereich beschäftigen müssen.

Eine gute Dienstleistung können Sie nur anbieten, wenn Sie sich ständig fortbilden und die Bereitschaft dazu aufbringen, Ihre Arbeit in qualifizierter Weise ständig zu verbessern.

Das Land hat zusammen mit dem Bund in vorbildlicher Weise die Bildungsstätten des Handwerks ausgebaut und modernisiert.

Kürzlich konnte ich das letzte große Berufsbildungszentrum in Heilbronn seiner Bestimmung übergeben.

Dieses Projekt wurde vom Land mit einem Zuschuss von über 10 Mio. DM unterstützt.

Zu dem Aufbau und zu der Unterhaltung des gesamten Netzes der Berufsbildungseinrichtungen wurden seit In-Kraft-Treten des Mittelstandsförderungsgesetzes 1975 über 377 Mio. DM an Landeszuschüssen für Investitionen gewährt, allein seit 1996 über 36 Mio. DM.

Dies kommt auch dem Schornsteinfegerhandwerk zugute.

Für Sie sind jedoch die Fortbildungsangebote Ihrer Schornsteinfegerinnung, die ein hohes fachliches Niveau und einen anspruchsvollen Umfang haben, vorrangig.

Ich beglückwünsche Sie auch dazu, dass Sie - beispielhaft für das gesamte Handwerk - alle Ihre Schornsteinfegerbetriebe einem Qualitätsmanagement unterworfen haben, das Ihnen entscheidende Impulse für einen rationellen Betrieb geben wird.

Diese Impulse werden Sie auch brauchen, um mit den knapp kalkulierten Gebühreneinnahmen Ihren Betrieb ständig auf einem hohen technischen Niveau halten zu können.

Ich danke Ihnen auch ganz besonders für Ihre Bemühungen in dem Bereich der Energieeinsparung und des Umweltschutzes.

Sie haben die Meistervorbereitungskurse um drei Monate verlängert, um gerade auf diesem zukunftsweisenden Gebiet zusätzliches Fachwissen zu vermitteln.

Damit haben Sie in dem Wettbewerb der Handwerksberufe auch die Nase bei der Zertifizierung des "Energieberaters des Handwerks" vorne.

Ich bin überzeugt, dass Ihr Handwerk unter dem Aspekt der Energieeinsparung und des Umweltschutzes eine gute Zukunft hat.

Es liegt an Ihnen, Ihre Kunden, das heißt die Betreiber ständig von dem Wert einer unabhängigen Beratung und der Notwendigkeit Ihrer Tätigkeit zu überzeugen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

das Thema "Energiesparen" hat in dieser Legislaturperiode auch die Fördervoraussetzungen unserer Wohnungsbauprogramme stark verändert.

Wir verlangen bei allen geförderten Neubauvorhaben sowohl im Eigentums- als auch im Mietwohnbereich die Einhaltung des Niedrigenergiehausstandards.

Zudem können "Passivhäuser" als Modellprojekte des "ökologischen und innovativen Bauens" in dem Rahmen des Landeswohnungsbauprogramms anerkannt werden.

Auf der anderen Seite steht jedoch das riesige Einsparpotenzial in dem Gebäudebestand.

Insbesondere Gebäude, die vor mehr als 20 Jahren errichtet wurden - dies sind über drei Viertel aller Wohngebäude in Baden-Württemberg - sind an dem gesamten Heizenergieverbrauch aller Wohngebäude überproportional beteiligt.

Mit gebräuchlichen, sinnvollen Sanierungsmaßnahmen könnte der Energieverbrauch etwa halbiert werden.

Für Baden-Württemberg würde dies eine jährliche Heizenergieeinsparung von etwa 55 Mrd. Kilowattstunden bzw. 5,5 Mrd. l Heizöl bedeuten.

Dies bedeutet bei den heutigen Heizölpreisen eine Einsparung von rund 4 bis 5 Mrd. DM.

Die Landesregierung hat deshalb auf Initiative des Wirtschaftsministeriums - trotz bekanntlich enger Haushaltslage - bereits in dem vergangenen Jahr das Altbaumodernisierungsprogramm gestartet.

Dieses Programm beinhaltet das "Impuls-Programm-Altbau" und das "Energieeinspar-Programm-Altbau".

Dies soll Hauseigentümern und Investoren einen Anreiz dazu geben, ihr Gebäude umfassend zu modernisieren und in energiesparenden Maßnahmen an ihren Gebäuden zu investieren.

Die Grundvoraussetzung für eine wirtschaftliche und hochwertige energetische Sanierung ist eine sorgfältige Bestandsanalyse und eine detaillierte Maßnahmenplanung.

Deshalb muss jeder, der ein zinsverbilligtes Darlehen erhalten will, vorher das Gebäude und die Heizungsanlage energetisch bewerten lassen.

Damit eröffnet sich auch für das Schornsteinfegerhandwerk ein zukunftsträchtiges Aufgabengebiet.

Bei dieser Gelegenheit danke ich Ihnen für Ihre Dienste bei der Überwachung der Feuerungsanlagen.

Ich denke hier insbesondere an die Bauabnahmen, bei denen Sie festzustellen haben, ob die baurechtlichen Vorschriften - im wesentlichen geht es um die Brandsicherheit und die sichere Abgasabführung - beachtet worden ist.

Auch wenn gelegentlich Kritik an den verordneten Prüfungen geäußert wird, weil sich zum Beispiel Fachbetriebe ungern kontrollieren lassen, halte ich solche Abnahmen für sinnvoll und notwendig.

Notwendig vor allem deshalb, weil Feuerungsanlagen - Feuerstätte und Abgasanlage - seit der letzten Änderung der Landesbauordnung zu den verfahrensfreien Vorhaben gehören, mit denen sich die Baurechtsbehörden nur noch in Ausnahmefällen befassen.

Die Verlagerung des Verfahrens auf die Beteiligten - Betreiber, Architekt, Fachbetrieb und Schornsteinfeger - hat sich bewährt und zu der Entbürokratisierung in baurechtlichen Verfahren beigetragen.

Durch diese Teilprivatisierung konnten die Baurechtsbehörden von Bauanträgen für Feuerungsanlagen und Abgasanlagen entlastet werden.

Aber auch unter einem anderen Aspekt ist die Bescheinigung, die Sie vor Inbetriebnahme ausstellen, von Bedeutung, nämlich unter dem Aspekt des Verbraucherschutzes.

Gerade bei Heizungsanlagen sind die Betreiber häufig nicht in der Lage zu beurteilen, ob die von einem Fachbetrieb errichtete Anlage in allen Punkten den baurechtlichen Vorschriften und den Regeln der Technik entspricht.

Dass die Kontrolle der Fachbetriebe durch Vertreter Ihres Handwerks gelegentlich zu Meinungsverschiedenheiten führt, ist mir bewusst.

Für eine reibungslose Zusammenarbeit halte ich daher regelmäßige Kontakte Ihres Handwerks zu den örtlichen Fachbetrieben und Architekten für hilfreich.

Kritik an Ihrem Handwerk können Sie am besten dadurch begegnen, dass jeder einzelne Bezirksschornsteinfegermeister seine Aufgaben korrekt, sachgerecht und kundenfreundlich erledigt.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

die neue Kehr- und Überprüfungsordnung zum 1. Januar 2000 hat auch eine neue Kehrbezirkseinteilung erforderlich gemacht.

Die Vorteile für die Bürgerinnen und Bürger, die durch die Zusammenlegung von Schornsteinfegerarbeiten und die Verlängerung von Überprüfungsfristen erwachsen sind, haben andererseits dazu geführt, dass das Kehrvolumen um rund 10 Mio. DM gesunken ist.

Was dem Bürger zugute kam, hat Sie vor ernste Probleme gestellt.

Wir mussten zum 1. Januar 2000 neun Kehrbezirke im Land auflösen, zum 1. Januar 2001 werden nochmals - per Saldo - vier Kehrbezirke aufzulösen sein, davon allein in der Landeshauptstadt Stuttgart drei.

Dies fällt uns nicht leicht, da damit Arbeitsplätze verloren gehen und die Zukunftschancen der nachfolgenden Schornsteinfegermeister geschmälert werden.

Einsparungen in der Arbeitszeit durch die geringeren Anlauftermine und die Verlängerung der Überprüfungsintervalle für moderne Gasfeuerstätten müssen zwangsläufig zu geringeren Gebühren für die Schornsteinfegerkunden führen.

Auch darin beweist sich die Modernität und Anpassungsfähigkeit des Schornsteinfegerhandwerks.

Die Gesellschaft wird das System "Bezirksschornsteinfegermeister" nur akzeptieren, wenn dieses auch künftig flexibel und kundenorientiert arbeitet.

Daher kann es nicht nur immer eine Steigerung in der Anzahl der Kehrbezirke geben, sondern auch ein Abbau, wenn das Gesamtvolumen durch Rationalisierungsmaßnahmen in der Arbeitsausführung, durch die Ausweitung der Fernwärme und durch die Modernisierung des Altbaubestandes fällt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie haben sich in einer beispiellosen Art dabei in sehr solidarischer Weise bereit erklärt, ein Jahr lang auf Gebühreneinnahmen von 4000 bis 5000 DM zu verzichten, damit die Umstellung sozialverträglich für die jüngeren Kollegen umgesetzt werden konnte.

Dafür meinen besonderen Dank, auch für den Mut Ihrer Schornsteinfegerinnung, dies nach außen und innen zu vertreten.

Die anziehende Konjunktur und zusätzliche Finanzmittel, die den Wohnungsbaugesellschaften für die Altbaumodernisierung zur Verfügung stehen, werden dazu führen, dass vor allem in den Großstädten Einzelfeuerstätten abgebaut werden.

Dieser aus ökologischen Gründen wünschenswerte Vorgang wird zu weniger Kehrvolumen führen.

Künftig werden wir diese Entwicklung nicht mehr durch den Wohnungsneubau an den Stadträndern und in den Klein- und Mittelstädten kompensieren können.

Wir werden uns deshalb darauf einrichten müssen, dass das Kehrvolumen insgesamt gesehen, nicht mehr steigen wird.

Daher ist es notwendig, dass Sie sich im fachlichen Bereich neue Schwerpunkte suchen.

Diese liegen eher in dem Bereich der Energieeinsparung als in den klassischen Kehr- und Überprüfungsarbeiten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich musste in den letzten Tagen darüber entscheiden, ob die von Ihnen beantragte Erhöhung der Schornsteinfegergebühren zum 1. Januar 2001 in Baden-Württemberg umgesetzt werden kann.

Sie haben in diesem Jahr einen bescheidenen Antrag stellen müssen, da auch die Gehälter im öffentlichen Dienst praktisch unverändert geblieben sind.

Die höheren Gesellenkosten und die Kostensteigerungen insbesondere bei den sozialen Sicherungssystemen und im Energiebereich führen jedoch zu anerkannten höheren Geschäftskosten.

Ich habe daher eine Gebührenerhöhung in Höhe von 3 Pfennig je Arbeitswert mitgetragen, damit Sie auch im Jahr 2001 ein angemessenes Einkommen für Ihre Tätigkeit haben werden.

Damit erhält jeder Bezirksschornsteinfegermeister in Baden-Württemberg ab Januar 1,6% höhere Gebühren als im Vorjahr.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

das Schornsteinfegerhandwerk bildet derzeit 132 Lehrlinge aus.

Ich danke Ihnen für Ihre Bemühungen, auch in den Zeiten eines schwindenden Kehrvolumens Lehrlinge einzustellen und auszubilden.

Ich ermuntere Sie, dies auch künftig zu tun, da Ihr Handwerk auch in der Zukunft noch große Chancen hat, sich weiter zu entwickeln.

Ich danke den Vertretern Ihres Handwerks in der Schornsteinfegerinnung Stuttgart und im Landesinnungsverband für die große Mithilfe bei der Entwicklung der neuen Kehrordnung und sämtlicher Vorschriften, die dazu noch notwendig sind.

Ich bedanke mich auch für die sehr aufwendige Hilfe bei der Neueinteilung der Kehrbezirke bereits im letzten Jahr und nun wieder zum 1. Januar 2001.

Dies ist eine zeitintensive Arbeit, ohne die die dafür zuständigen unteren Verwaltungsbehörden eine Kehrbezirkseinteilung nicht durchführen können.

Ihr Handwerk wird im Spannungsfeld zwischen dem Sicherheitsanspruch des Staates für seine Bürger und den individuellen Bedürfnissen und Wünschen der einzelnen Menschen weiterbestehen.

Ich wünsche Ihnen noch interessante Gespräche auf Ihrem Innungstag und in die Zukunft wirkende Beschlüsse zum Wohl des Schornsteinfegerhandwerks und zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger vor den Gefahren der häuslichen Feuerstätten.

In diesem Sinne Ihnen persönlich viel Glück und eine gute Zeit.