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1.Akt: Auf zu neuen Ufern
Der Öl- und Gas-Brennerbauer X
las in einer Abhandlung, die ihm ein Studienfreund als Diplomarbeit eines
seiner Diplomanden zu lesen gab, über das Thema der Anwendung von Gassensoren
in hermetisch abgeschlossenen Wohnräumen. Die Arbeit befasste sich mit der
Analyse der Raumluft mit Hilfe industrieller Gassensoren. Deren Output diente
als Steuerungspotential zur Zuführung von Frischluft in die kontrollierten
Räume. Spontan kam X der Gedanke, derartige
Regelmechanismen in Kleinfeuerungsanlagen anzuwenden. Die Messwerte solcher
Sensoren ließen sich ohne weiteres mit passender Software in der Hardware
seiner Brenner auswerten. Handelsübliche Gassensoren in einem kurzen
Messzyklus in den Abgasstrom eines Heizkessels einzuführen, durfte kein
Problem sein. Die ermittelten Rechengrößen könnten dazu dienen, die gesamte
Anlage im Falle einer Grenzwertüberschreitung abzuschalten. Es galt
lediglich, einen vorgegebenen Grenzwert als Sollgröße, mit dem aktuellen
Istwert zu vergleichen. Herr X lud den Diplomanden Y zu sich ein, und
machte ihm ein großzügiges Angebot. Das galt nur unter der Bedingung, dass er
sich bereit erklärte, die Entwicklung eines eigensicheren Brenners in Angriff
zu nehmen. Y trat wenige Monate später in die Firma X ein. Herr X war als Inhaber auch Vorstandsvorsitzender
des von seinem Vater übernommenen Familienunternehmens. Die Firma X baute
seit den frühen 70er Jahren Öl- und Gas-Überdruckbrenner. X versprach sich
von der Vermarktung eines eigensicheren Brenners einen beachtlichen
Absatzerfolg, zumal er auf dem deutschen Markt der erste sein würde. Er
sicherte sich die von Y bereits angemeldeten, sowie die während der
Entwicklung zu erwartenden, Patentrechte. Dieser Vorsprung sollte ihm auf dem
hart umkämpften Heizungsmarkt zugute kommen. Mit einer Lizenzvergabe an
deutsche Konkurrenten wollte er sich noch Zeit lassen. Y nahm mit 4 Mitarbeitern die Entwicklung eines
eigensicheren Brenners für Kleinfeuerungsanlagen in Angriff. Schon nach
wenigen Monaten konnte die Entwicklungsabteilung beachtliche Erfolge
vorweisen. 2.Akt: Die verhängnisvolle Ankündigung
Im darauffolgenden Frühjahr
kündigte die Firma X auf der INTHERM in Frankfurt in einer Presskonferenz den
eigensicheren Öl- und Gas-Brenner für Kleinfeuerungsanlagen als Sensation auf
dem Heizungsmarkt an. Prototypen würden spätestens auf der nächsten INTHERM
in Stuttgart vorgeführt werden. Auf den inländischen Markt käme der Brenner
im Jahr darauf. Die Ankündigung schlug wie eine Bombe sowohl in der Fachwelt
als auch bei den einschlägigen Medien ein. Bei der Befragung durch die Presse malte der
Werbechef der Firma X die Vorteile des neuen Brenners mit dem Namen
Selfcontrol in den grellsten Farben. Sein Preis läge nur um etwa ein Drittel
über dem der bisher üblichen Brenner. Wer Selfcontrol erwerbe, erspare sich
nicht nur den teuren und lästigen Schornsteinfeger, sondern Wartungsverträge
gehörten der Vergangenheit an. In einem Niedrigenergiehaus sei in frühestens
8 Jahren mit einem Abschalten der Anlage zu rechnen. Im übrigen ließen sich
Mess- und Sollwerte der Abgase, aber auch des Rußwertes jederzeit ablesen.
Selfcontrol schaltete generell bei einer Rußzahl von 1 bereits ab. Schon bei
einer Annäherung an die Grenzwerte schlage Selfcontrol vorsorglich Alarm. Bis
dahin sei kein handwerklicher Eingriff notwendig gewesen. 3. Akt: Aufziehende Gewitterwolken
Schornsteinfeger und
Heizungsbranche waren schockiert über diese Nachricht. Die Schornsteinfeger
erkannten, dass sie ausgedient hätten, wenn dieser Brenner sich auf dem Markt
durchsetzt, und die Konkurrenz nachzieht. Die Heizungsbauer jedoch machten
glänzende Geschäfte, wenn die Nachfrage nach dem neuen Brennertyp einsetzte.
Doch mit jedem verkauften Brenner verlören sie aber einen ihrer bisherigen
Wartungskunden. Die nationale Schornsteinfegerlobby beriet ihre
Strategie hinter verschlossenen Türen. Hinter solchen fanden auch die
Innungsversammlungen der einzelnen Innungsbezirke statt. Dann setzte der
Schlag ein: Ab sofort blieben bei Kundenberatungen als Empfehlung die
Fabrikate der Firma X nicht nur außen vor, sondern sie wurden mit abwertenden
Gesten als minderwertig und unzuverlässig eingestuft. Dergleichen geschah
auch bei einigen Heizungsfirmen. 4.Akt: Die Rache des Bösen und ihre Folgen
Die Kaufleute der Firma X
wunderten sich nach der Ankündigung von Selfcontrol über eine schleichende
Abnahme des Bestelleingangs bei all ihren Produkte. Herr X berief eine
Krisensitzung ein und riet zunächst noch zum Abwarten. Als nach einem
Vierteljahr der inländische Bestelleingang auf nahezu ein Viertel des Vorjahres
geschrumpft war, der Exportanteil dagegen noch ein wenig anstieg, war die
Ursache klar erkannt. Bei einem Exportanteil von 38 % ließ sich die
Belegschaft nicht mehr halten. Es kam zu ersten Entlassungen, denen weitere
folgten. Nach einem Jahr meldete die Firma X Insolvenz an. Sie wurde
schließlich von einem US-Konzern übernommen, der sich von Selfcontrol einen
Marktschub versprach. Alle Produkte der Firma X wurden fernerhin in den USA
gefertigt. Die Entwicklungsabteilung unter Herrn Y siedelte in die USA über.
Die Werkshallen und Gebäude kaufte ein Zulieferer der Automobilindustrie.
Herr X schied freiwillig aus dem Leben. |
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