Die Tragödie eines Öl- und Gas-Brennerbauers in 4 Akten


"Das Gute wollen ist ein Fortschritt, das Böse wollen ein Rückschritt"

Bernhard von Clairvaux


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1.Akt: Auf zu neuen Ufern

Der Öl- und Gas-Brennerbauer X las in einer Abhandlung, die ihm ein Studienfreund als Diplomarbeit eines seiner Diplomanden zu lesen gab, über das Thema der Anwendung von Gassensoren in hermetisch abgeschlossenen Wohnräumen. Die Arbeit befasste sich mit der Analyse der Raumluft mit Hilfe industrieller Gassensoren. Deren Output diente als Steuerungspotential zur Zuführung von Frischluft in die kontrollierten Räume.

Spontan kam X der Gedanke, derartige Regelmechanismen in Kleinfeuerungsanlagen anzuwenden. Die Messwerte solcher Sensoren ließen sich ohne weiteres mit passender Software in der Hardware seiner Brenner auswerten. Handelsübliche Gassensoren in einem kurzen Messzyklus in den Abgasstrom eines Heizkessels einzuführen, durfte kein Problem sein. Die ermittelten Rechengrößen könnten dazu dienen, die gesamte Anlage im Falle einer Grenzwertüberschreitung abzuschalten. Es galt lediglich, einen vorgegebenen Grenzwert als Sollgröße, mit dem aktuellen Istwert zu vergleichen.

Herr X lud den Diplomanden Y zu sich ein, und machte ihm ein großzügiges Angebot. Das galt nur unter der Bedingung, dass er sich bereit erklärte, die Entwicklung eines eigensicheren Brenners in Angriff zu nehmen. Y trat wenige Monate später in die Firma X ein.

Herr X war als Inhaber auch Vorstandsvorsitzender des von seinem Vater übernommenen Familienunternehmens. Die Firma X baute seit den frühen 70er Jahren Öl- und Gas-Überdruckbrenner. X versprach sich von der Vermarktung eines eigensicheren Brenners einen beachtlichen Absatzerfolg, zumal er auf dem deutschen Markt der erste sein würde. Er sicherte sich die von Y bereits angemeldeten, sowie die während der Entwicklung zu erwartenden, Patentrechte. Dieser Vorsprung sollte ihm auf dem hart umkämpften Heizungsmarkt zugute kommen. Mit einer Lizenzvergabe an deutsche Konkurrenten wollte er sich noch Zeit lassen.

Y nahm mit 4 Mitarbeitern die Entwicklung eines eigensicheren Brenners für Kleinfeuerungsanlagen in Angriff. Schon nach wenigen Monaten konnte die Entwicklungsabteilung beachtliche Erfolge vorweisen.

2.Akt: Die verhängnisvolle Ankündigung

Im darauffolgenden Frühjahr kündigte die Firma X auf der INTHERM in Frankfurt in einer Presskonferenz den eigensicheren Öl- und Gas-Brenner für Kleinfeuerungsanlagen als Sensation auf dem Heizungsmarkt an. Prototypen würden spätestens auf der nächsten INTHERM in Stuttgart vorgeführt werden. Auf den inländischen Markt käme der Brenner im Jahr darauf. Die Ankündigung schlug wie eine Bombe sowohl in der Fachwelt als auch bei den einschlägigen Medien ein.

Bei der Befragung durch die Presse malte der Werbechef der Firma X die Vorteile des neuen Brenners mit dem Namen Selfcontrol in den grellsten Farben. Sein Preis läge nur um etwa ein Drittel über dem der bisher üblichen Brenner. Wer Selfcontrol erwerbe, erspare sich nicht nur den teuren und lästigen Schornsteinfeger, sondern Wartungsverträge gehörten der Vergangenheit an. In einem Niedrigenergiehaus sei in frühestens 8 Jahren mit einem Abschalten der Anlage zu rechnen. Im übrigen ließen sich Mess- und Sollwerte der Abgase, aber auch des Rußwertes jederzeit ablesen. Selfcontrol schaltete generell bei einer Rußzahl von 1 bereits ab. Schon bei einer Annäherung an die Grenzwerte schlage Selfcontrol vorsorglich Alarm. Bis dahin sei kein handwerklicher Eingriff notwendig gewesen.

3. Akt: Aufziehende Gewitterwolken

Schornsteinfeger und Heizungsbranche waren schockiert über diese Nachricht. Die Schornsteinfeger erkannten, dass sie ausgedient hätten, wenn dieser Brenner sich auf dem Markt durchsetzt, und die Konkurrenz nachzieht. Die Heizungsbauer jedoch machten glänzende Geschäfte, wenn die Nachfrage nach dem neuen Brennertyp einsetzte. Doch mit jedem verkauften Brenner verlören sie aber einen ihrer bisherigen Wartungskunden.

Die nationale Schornsteinfegerlobby beriet ihre Strategie hinter verschlossenen Türen. Hinter solchen fanden auch die Innungsversammlungen der einzelnen Innungsbezirke statt. Dann setzte der Schlag ein: Ab sofort blieben bei Kundenberatungen als Empfehlung die Fabrikate der Firma X nicht nur außen vor, sondern sie wurden mit abwertenden Gesten als minderwertig und unzuverlässig eingestuft. Dergleichen geschah auch bei einigen Heizungsfirmen.

4.Akt: Die Rache des Bösen und ihre Folgen

Die Kaufleute der Firma X wunderten sich nach der Ankündigung von Selfcontrol über eine schleichende Abnahme des Bestelleingangs bei all ihren Produkte. Herr X berief eine Krisensitzung ein und riet zunächst noch zum Abwarten. Als nach einem Vierteljahr der inländische Bestelleingang auf nahezu ein Viertel des Vorjahres geschrumpft war, der Exportanteil dagegen noch ein wenig anstieg, war die Ursache klar erkannt.

Bei einem Exportanteil von 38 % ließ sich die Belegschaft nicht mehr halten. Es kam zu ersten Entlassungen, denen weitere folgten. Nach einem Jahr meldete die Firma X Insolvenz an. Sie wurde schließlich von einem US-Konzern übernommen, der sich von Selfcontrol einen Marktschub versprach. Alle Produkte der Firma X wurden fernerhin in den USA gefertigt. Die Entwicklungsabteilung unter Herrn Y siedelte in die USA über. Die Werkshallen und Gebäude kaufte ein Zulieferer der Automobilindustrie. Herr X schied freiwillig aus dem Leben.