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Abarten gesellschaftlicher Zwänge lassen sich
mit Hilfe der Satire am ehesten durchschauen. Die ausufernden
Begleiterscheinungen des deutschen Schornsteinfegerwesens sind dem gesunden
Menschenverstand nicht anders plausibel zu machen. Denn die Macht der Gewohnheit
lässt mit der Zeit auch das als normal erscheinen, was der Vernunft
widerstrebt. Eine Satire lässt in die Abgründe der Zwangsmassnahmen blicken. Diktaturen jeglicher Coleur sind durch die
politische Satire entlarvt worden, indem sie deren Schwächen freilegte. Das
gilt auch für die Zwänge eines jedem nüchtern denkenden Menschen
widerstrebenden Gesetzeswerkes. Aus dieser Erkenntnis erwächst der Widerstand
gegen dessen Anwendung. Das Schornsteinfegergesetz hat sich mittlerweile
so im Dschungel von ländereigenen Verordnungen verfangen, dass es nicht mehr
reformierbar ist. Seltene Ausnahmenerscheinungen sind mittlerweile als
gängige Gefahrenquellen hochgepuscht worden, um daraus völlig nutzlose
Dienstleistungen abzuleiten. Vernunft und zunehmender Widerstand in der davon
direkt betroffenen Bevölkerung lässt keine andere Lösung als die einer
völligen Deregulierung mehr zu. Betroffen sind wir jedoch alle davon in Form
der daraus herrührenden gestiegenen Wohnnebenkosten. Alle politischen Parteien haben es bisher
versäumt, dem mit stetig wachsenden Befugnissen ausgestatteten
Schornsteinfegerwesen Einhalt zu gebieten. Die folgenden Satiren sollen dazu
beitragen, diesem Monster zu Leibe zu rücken. |
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Dienstags putze ich bei Frau Nerhek. Und das
schon seit paar Jahren. An dem einen Dienstag, von dem ich erzähle, musste
Frau Hertnek mit der Jüngsten zur Einschulung. Sie sagte mir noch, der
Schornsteinfeger käme gleich. Ich brauchte mich aber nicht weiter um ihn zu
kümmern, der wisse Bescheid. Das Geld für ihn läge in der
Garderobenschublade. Aufrunden solle ich nicht, der wäre eh schon teuer
genug. Um 10 klingelte es und ein junger Mann steht vor
der Tür. Um die Schulter trug er einen aufgerollten Drahtbesen mit 'ner Kugel
dran. Er ging schnurstracks die Treppe hoch zum Dachboden. Ich hörte ein
Kratzen in der Wand. Das ging mir durch Mark und Bein. Bald war er wieder
unten und stellte seine Zeugs ab. Er ging noch kurz herunter zum Heizraum.
Ich staubte derweil im Wohnzimmer ab. Als der junge Mann fertig war, riss er einen
Zettel von einem Block und sagte, er bekäme 25 Euro und 65 Cent. Ich guckte
auf die Uhr. Als der klingelte hatte es gerade Zehne geschlagen und jetzt war
es nicht einmal zehn nach zehn. Hatte ich mich verhört? Ich wiederholte:
"28 Euro und 45 Cent?". Ja, ich habe richtig gehört, das sei aber
schon mit Mehrwertsteuer, antwortete er. Mir blieb die Spucke weg - ich dacht', ich werd'
verrückt. Für das Geld putz' ich mich 'nen ganzen Vormittag lang dumm und
dusslig. Und soviel will der Schnösel für ein paar Minuten Wandkratzen haben.
Dabei hat der sich noch nicht einmal schmutzig gemacht. Sein Schal ist noch
so weiß wie vorher. Da muss ich wohl ausgeflippt sein. Ich renn zur Haustür,
stoß' sie auf und schrei den Kerl an: "Raus, du Halsabschneider! Aber
schnell - sonst helf ich dir mit dem Schrubber nach!". Das Staubtuch
hätte ich ihm wenigstens um die Ohren schlagen sollen. Der Kerl wurde
puterrot im Gesicht, sagte kein Wort, nahm schleunigst seine Drahtrolle und
verschwand ohne Geld. Irgendwas murmelte er. Ich sah ihn dann beim Nachbarn
klingeln. Es ist ja nicht mein Geld was der verlangt. Aber
soviel nur für'n bisschen Kaminkratzen. Dafür schaff' ich den ganzen
Vormittag lang. Und Frau Nerhek ist gewiss nicht knickrig. Wenn die so'n
Besen mit 'ner Drahtrolle hätte, könnte ich ihr auch ab und zu noch flugs den
Kamin kehren. Als ich mir hinterher im Heizraum den Eimer mit
dem Kamindreck besah, schoss mir schon wieder die Galle hoch. Da war ja noch
viel weniger drin wie in dem Staubsaugerbeutel, den ich jede Woche in den
Mülleimer werfe. Nur ist das Zeug viel schwerer gewesen. |
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Eine Variante des "homo oecologicus"
macht sich hierzulande breit: Die Spezies 'homo ego oekologicus'
Ihr Leitmotiv sind Ökologie und
Umwelt. Triebfeder ihres Handelns sind Wichtigtuerei und
anmaßender Egoismus. Eine ihrer Untervarianten macht sich außerdem
noch die Urängste vor Schadensfeuer und neuerdings auch noch vor dem
tödlichen Kohlenmonoxyd zunutze. Außerdem profitiert sie auch noch von
weitverbreitetem primitivem Aberglauben. Ihre Schutzpatrone sind eine willfährige
Beamtenschaft. Der umhegte raffgierige Typ
Er mißt und bestätigt für
fürstlichen Lohn Jahr für Jahr, daß der Heizkessel umweltfreundlich arbeite
und nur noch einen klitzekleinen Rest Ruß herausblase. Diesen klitzekleinen Rest aber fegt er Ruhigen Gewissens läßt er sich auch das noch
versilbern. |
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Schornsteinfeger kündigen sich vorher an |
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Schornsteinfeger sind Nutznießer des Gesetzes |
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Schornsteinfeger hocken auf ihren Pfründen |
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Schornsteinfeger werden als Glücksbringer geschätzt |
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Schornsteinfeger nehmen sie in Anspruch |
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Schornsteinfeger pochen auf ihre Fürsprecher |
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Schornsteinfeger biedern sich solchen an |
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Schornsteinfeger leben fürstlich |
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Schornsteinfeger werden zwangsläufig geduldet |
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Schornsteinfeger leben mitten unter ihnen |
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Schornsteinfeger haben ihren eigenen Kehrbezirk |
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Schornsteinfeger zählen sich zu den Handwerkern |
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Schornsteinfeger genießen ihren Ruhestand |
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Schornsteinfeger kassieren sogar für das, was sie nicht taten |
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Schornsteinfeger sind hierzulande immer noch Gegenwart |
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Die BSE- und MKS-Krise veranlaßten die
Bundesregierung, eine Experten-Kommission für Gesundheit und Sicherheit ins
Leben zu rufen. Mitglieder dieser Kommision sind: Je ein Vertreter der Berufsgenossenschaft, der
Straßenverkehrssicherheit, der Feuerwehr, des THW, der Baupolizei, des
Katastrophenschutzes; aus der Ärzteschaft je ein Sportarzt, ein
Unfallarzt, ein Unfallchirurg, ein Betriebsarzt, ein Gerontologe, ein
Kinderarzt, ein Spezialist für altersgemäße Ernährung; aus der Industrie je ein Vertreter der
Nahrungsmittelindustrie, der Fahrzeugindustrie, der Elektroindustrie, der
Spielzeugindustrie, der Sportgerätehersteller; je 1 Ingenieur für Straßen- und Wegebau, für
Bahnen aller Art, für Küstenschutz und Wasserwege; 1 Volkswirtschaftler, 1 Versicherungsmathematiker,
1 Finanzexperte. Jeder der verpflichteten Teilnehmer hat drei
Monate Zeit, Material über Unfallhäufigkeit, Unfallpotentiale, Kosten der
Schadensfälle und Kosten der Schadensvermeidung zusammenzustellen. Der
beschlußfassenden Konferenz geht eine Bestandsaufnahme aller bereits
bestehenden Sicherheitsmaßnahmen voraus. Während der Konferenz werden die
volkswirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Kosten nach
Sicherheitsgraden in 10 abgestuften Niveaus errechnet. Diese Berechnungen ergeben, daß die 3 höchsten
Sicherheitsgrade unbezahlbar sind. Ihre Durchführung hätte einen Großteil der
Bevölkerung unter die Armutsgrenze gebracht. Die beiden nächstniedrigen
Sicherheitsstufen führen zu einem derart großen Einschnitt in den
Lebensstandard, daß sie in der Bevölkerung keine Akzeptanz finden würden. So
einigt man sich nach tagelangem Verhandeln auf ein bezahlbares
Sicherheitsniveau. Daraufhin werden alle schon vorhandenen
Sicherheitsmaßnahmen einer strengen Kosten/Nutzen-Analyse unterzogen. Auf der
dabei entstandenen "Streichliste" steht an erster Stelle der
überwiegende Teil bisheriger Tätigkeiten der Schornsteinfeger. |
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Besorgte Ärzte legen den Schornsteinfegern
dringend nahe, in den vorgezogenen Ruhestand zu treten. Eine gefährliche
Berufskrankheit bedrohe ihre Gesundheit ab dem 30. Lebensjahr. So bleibt nur
noch jeder achte Schornsteinfeger im Dienst, der fernerhin mit Hilfe einer
Atemschutzmaske gefahrlos verrichtet werden kann. Experten überlegen, wie dennoch der Sicherheit
vor Bränden und Kohlenmonoxydvergiftung Genüge zu tun sei. Sie kommen wegen
des Personalmangels aber zu keinem anderen Ergebnis, als je 8 Kehrbezirke
zusammen zu legen. Die Feuerstättenschau wird wieder abgeschafft.
Das nutzlose Kehren des Rauchrohres macht man wieder rückgängig. Die
Abgasmessung findet alle 3 Jahre statt, bei gewarteten Anlagen macht es die
Heizungsfirma. Die seither zu hoch veranschlagte Zeit für die einzelnen
Tätigkeiten ist die zeitliche Reserve, um den vorgegebenen Turnus
einzuhalten. Man einigt sich, daß bei einer Zunahme von Bränden und
Vergiftungen, durch erhöhte Ausbildungszahlen den Turnus verkleinert würde. Bei einer Bestandsaufnahme nach 5 Jahren kommt
man überraschenderweise zu dem Ergebnis, daß der achtjährige Turnus für das
Kehren ohne weiteres auf 10 Jahre gesteigert werden kann, der für das Messen
wird auf 5 Jahre erhöht. Fiktion in dieser Geschichte ist lediglich die
erfundene Berufskrankheit der Schornsteinfeger. Die Tätigkeit der
Schornsteinfeger war einst durch den intensiven Umgang mit dem Ruß
gesundheitsschädlich. Heute ist sie allein schon wegen des häufigen
Treppensteigens der Gesundheit eher zuträglich. Die nun seltener gekehrten nahezu rußfreien
Rückstände fallen ohnehin größtenteils auf die Kaminsohle herab. Der an den
Kaminwänden verbleibende Rest birgt nicht die geringste Gefahr für Brände und
Verstopfungen. Verglichen mit dem rauhen Betrieb der alle 2 Jahre gemessenen
Fahrzeuge ist der fünfjährige Turnus für die Abgasmessung ausreichend. |
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"Es
gibt tausend Krankheiten,
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Es lebte einst ein junger König, dessen
Königreich aus einer einzigen Insel bestand. Der König herrschte noch nicht
lange, als ihm die Nachricht überbracht wurde, auf dem Festland sei die Pest
ausgebrochen. Da fragte er seinen Leibarzt, was er gegen die Pest tun solle.
Dieser riet ihm, alle seine Untertanen gegen die Pest impfen zu lassen. Da
sandte der König eine Abordnung von Ärzten auf das Festland, um abgetötete
Pestbakterien als Impfstoff zu gewinnen. Damit ließ der König alle seine
Untertanen gegen die Seuche impfen. Außerdem ließ der König alle Strände der
Insel Tag und Nacht bewachen, damit kein Fremder die Insel betreten oder
verlassen konnte. Die Pest raffte ein Drittel der benachbarten
Festlandbewohner dahin. Im Inselkönigreich aber starb niemand an der Pest,
bis auf die dem riskanten Impfprozesses zum Opfer gefallenen. Als die Seuche
auf dem Festland abgeklungen war, ließ der König verkünden, dass dank seiner
weisen Voraussicht alle seine Untertanen von der Pest verschont geblieben
seien. Am nächsten Tag ersuchte einer der Untertanen um
eine Audienz beim König. Er lobte den König ob seiner weisen Voraussicht.
Dennoch sei er der Meinung, das Impfen sei nicht notwendig gewesen. Das
Bewachen der Strände hätte vollauf genügt. Daraufhin ließ der König den Rat der Weisen zu
sich kommen, um ihn zu befragen. Der erste der Weisen bekundete, des Königs
Aussage wäre nur wahr, wenn nur ein Teil seiner Untertanen geimpft worden
wäre. Hätten diese die Pest überlebt, und die anderen nur zum Teil, so wäre
der Beweis erbracht, dass das Impfen erfolgreich gewesen sei - wenn auch nur
für die geimpften Untertanen. Der zweite der Weisen wandte ein, auch das
Impfen eines Teiles der Untertanen wäre überflüssig gewesen, falls alle,
Geimpfte wie nicht Geimpfte, die Seuche überlebt hätten, ausgenommen die
Impfopfer. Schließlich fasste der dritte der Weisen
zusammen, dass, nachdem nun die Pest vorüber sei, niemand mehr in der Lage
wäre, die Wahrheit zu finden. Denn das vorsorgliche Impfen aller Untertanen
lasse danach keine exakte Aussage mehr zu. Somit sei die Suche nach der
Wahrheit erfolglos. Von nun an erkundigte sich der junge König vor
wichtigen Entscheidungen bei Experten ihres Faches und beriet seine Aussagen
mit seinen Weisen. |
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In einem Staat, dessen Gesundheitspolitik der
unseren ähnlich war, suchten vor vielen Jahren Politiker nach mehreren
fehlgeschlagenen Reformen des Gesundheitswesens nach einer dauerhaften
Lösung. Deswegen zogen sie sich einige Tage an einen abgelegenen Ort zurück,
um sich in der Stille zu beraten. In der ersten Nacht ihres Aufenthaltes
brannte ein Haus nahe dem Hotel nieder. Als beim Frühstück der Oberkellner
bemerkte, Brände wie dieser seien in Deutschland nicht möglich, wurden einige
der Politiker hellhörig. In Deutschland gehörten dank vorsorglichen
regelmäßigen Kaminkehrens Brände von Wohnhäusern der Vergangenheit an,
behauptete der Ober weiter. In früheren Zeiten, als auch in Deutschland die
Kamine nicht regelmäßig gekehrt worden seien, wären auch dort häufig Häuser
niedergebrannt, ergänzte der Kellner. Sein deutscher Freund, einer der
dortigen Schornsteinfeger, schwöre darauf, Vorsorge sei die billigste
Verhütungsmaßnahme. Zu Beginn der Beratungen wurde der Vorschlag
unterbreitet, man solle eine Abordnung deutscher Schornsteinfeger einfliegen
lassen. Würde man dem Kellner Glauben schenken, sei es erwägenswert, zu
überlegen, ob man die erfolgreichen deutschen Vorsorgemaßnahmen in Sachen
Brände nicht auch auf das eigene Gesundheitswesen übertragen könne. Nachdem die deutschen Schornsteinfeger ihre
erfolgreichen Vorsorgemaßnahmen - durch Statistiken belegt - zur Kenntnis
gebracht hatten, war die einhellige Meinung aller anwesenden Politiker, das
deutsche Schornsteinfegerwesen als Musterbeispiel an Vorsorge anzuerkennen.
Seine Prinzipien böten die beste Gewähr, das in der Vergangenheit stets
kränkelnde Gesundheitswesen erfolgreich zu reformieren. Es galt die Prämisse: Das deutsche
Schornsteinfeger hat in der Vergangenheit bewiesen, dass dank konsequenten jährlichen
Kehrens sämtlicher Kamine und Abzugsrohre - ob sauber oder schmutzig -
Kaminbrände und Kaminverstopfungen verhindert worden seien. In Deutschland
gehören Brandkatastrophen und Abgasvergiftungen somit fast ausnahmslos der
Vergangenheit an. Man war sich einig: Jede Art von Vorsorge
schützt vor Folgeschäden. Wenn die Deutschen dank jährlichen Kaminfegens
Brände und Vergiftungen zu verhindern in der Lage sind, lassen sich auch im
eigenen Land durch regelmäßige Untersuchungen aller Bürger in Zukunft Krankheit
und Siechtum vermeiden! Der Gesundheitsausschuss des Parlaments ließ ein
umfangreiches Gesundheitsreformprogramm ausarbeiten. Eingriffe in die
Entscheidungskompetenz der Bürger erforderten eine Änderung des
Grundgesetzes, der alle Parteien zustimmten. Das neue Gesundheitsreformgesetz nahm im
Eilverfahren die parlamentarischen Hürden. Wochen später war es vom
Staatsoberhaupt unterzeichnet, so dass es zum folgenden Jahresbeginn in Kraft
treten konnte. Das Gesetz, kurz "Gesundheitsvorsorgemaßnahmen" genannt
- abgekürzt GEVOMA - galt als die Jahrhundertreform schlechthin. Das Gesetz
schrieb ein allumfassendes Vorsorgeprogramm für die gesamte Bevölkerung - vom
Säugling bis zum Greis - vor. Das Motto der GEVOMA lautete: "Wer
vorsorgt, erspart sich das Heilen!" Mit Hilfe einer aufwendigen
Aufklärungsaktion wurde jedem Staatsbürger die Erkenntnis vermittelt, dass
Vorsorgekosten Therapiekosten ersparen, dass ferner jede Art von
gesundheitlicher Vorsorge der allgemeinen Volksgesundheit diene. Jeder Bürger
war verpflichtet, sich den vorgeschriebenen Vorsorgemaßnahmen zu unterziehen.
Nach einer generellen Einstufungsuntersuchung aller Bürger erhielt jeder
einen Gesundheitspass mit dem vermerkten Gesundheitszustandslevel. Dieser war
in Kennziffern von 1 bis 10 festgelegt. Eine Auszug aus den verordneten Vorschriften
zeigt die Weitsicht der Mütter und Väter von GEVOMA. Dies sei zunächst am
Beispiel der vorgeschriebenen Impfprogramme verdeutlicht. Im
Gesundheitsministerium wurde die Abteilung "Impfvorsorge" gebildet.
Deren Aufgabe war die Festlegung und Überwachung der diversen Impfprogramme. Im Folgenden einige Beispiele daraus: Spitzenpolitiker und Gewerkschaftler waren des
Lobes voll über diese arbeitsplatzschaffenden Maßnahmen. Ein vorgeschriebener alljährlicher
Sanatoriumsaufenthalt aller Berufstätigen hatte den Nebeneffekt, die
Arbeitslosigkeit restlos abzubauen. Denn der Ausfall der sich vier Wochen
lang in Abwesenheit befindlichen Arbeitnehmer musste zwangsläufig durch
Neueinstellungen ersetzt werden. Dadurch flossen die Mittel zur
Arbeitslosenunterstützung in voller Höhe dem Gesundheitswesen zu. Die neu
errichteten Sanatorien gaben den bislang vernachlässigten ländlichen Regionen
einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung. Der Gesundheits-Check der Berufstätigen erfolgte
während des jährlichen Sanatoriumsaufenthaltes. Alle anderen wurden einem
dreistufigen Vorsorgeprogramm unterzogen: Das Gesundheitswesen wurde über den
Staatshaushalt finanziert. Statt der bisherigen Beiträge zu den Krankenkassen
wurde eine Gesundheitssteuer erhoben. Die Liquidation der Krankenkassen
führte zu weiterer Freisetzung dringend benötigter Arbeitskräfte. Da die Einführung der GEVOMA alle Lebensbereiche
betraf, dauerte es Jahre, bis alle vorgeschriebenen Maßnahmen durchgeführt
werden konnten. Die Industriesparte Medizintechnik prosperierte, da ein
unerwartet großer Gerätepark erforderlich wurde. Die unvorhergesehen hohen
Gesamtkosten wurden auf die vorübergehende Parallelität von Vorsorge und noch
verbliebenen Therapiemaßnahmen zurückgeführt. Der Finanzminister war gezwungen, von Jahr zu
Jahr höhere Kredite aufnehmen. Die Staatsverschuldung wuchs ins
Unermessliche. Die Inflationsrate erklomm zweistellige Werte. Im Laufe von
zehn Jahren schnellte der Anteil des Gesundheitswesens am BIP von 16% auf
über 40% hoch. Der Außenhandel kam fast zum Erliegen. Denn die hohen
Gestehungskosten der Exportgüter verhinderten deren Absatz auf dem Weltmarkt.
So kam die einst blühende exportorientierte Industrie völlig zum Erliegen.
Die freigesetzten Industriearbeiter verloren den Besitzstand ihres jährlichen
Sanatoriumsaufenthaltes. Somit waren die Sanatorien in ihrer Existenz
bedroht. Die Arbeitslosigkeit schwoll an. Etwa 30% der Bevölkerung lebte bei
der letzten Erhebung unter der Armutsgrenze. All diesen Nachteilen zum Trotz hatte das Land
im internationalen Vergleich die geringste Sterblichkeitsrate, trotz der
gestiegenen hohen Selbstmordrate. Die Lebenserwartung stieg allein schon
aufgrund der durch Armut bedingten einfacheren Kost. Kein anderes Land hatte
einen so hohen Gesundheitsstandard wie dieses. Da seine Geburtenrate weltweit
am niedrigsten lag, wuchs zwangsläufig auch der Altersdurchschnitt der
Gesamtbevölkerung. Die weitere Entwicklung dieses Landes findet
wegen schwindenden Interesses wenig Beachtung. Der grenzüberschreitende
Reiseverkehr ist fast völlig zum Erliegen gekommen. Die Pressekorrespondenten
und Vertreter der Medienanstalten rückten bereits ab. Die Botschaften sind
durch Konsulate ersetzt worden. Neuere Daten über das Land sind nicht
bekannt. |
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Weitreichende Maßnahmen erfordern Expertenwissen
und Augenmaß. Persönlich Begünstigte von neuen Maßnahmen
dürfen in keinem Falle als Experten herangezogen werden. Eine Kosten-/Nutzen-Analyse ist bei allen neu
eingeführten Maßnahmen unumgänglich. Das nützliche Machbare hat seine Grenzen dann,
wenn niemand es bezahlen kann und will. Populäre Glanzstücke halten in der Regel nicht
das, was sie versprechen. Dem Volk "auf's Maul zu schauen" ist
besser, als am Volk vorbei zu verordnen. Dem Volk immer nach dem Maul zu reden macht
unglaubwürdig. Wählerfang rächt sich bitter, wenn billige
Versprechen nicht zu halten sind. Persönliche Besitzstände dürfen nicht von Dauer
sein. Sie müssen von Zeit zu Zeit auf ihren allgemeinen Nutzen abgeklopft
werden. |
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