Schornsteinfegerwesen aus mehreren Blickwinkeln


"Die Dummheit ist die sonderbarste aller Krankheiten.
Der Kranke leidet niemals an ihr. Aber die anderen leiden."

Paul-Henri Spaak


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Der Inhalt:

===> Tragödie eines Öl- und Gas-Brennerbauers in 4 Akten
===> Danach: "Das Schornsteinfeger-Syndrom" 2010 als Bestseller

===> Hans Christian Andersen: Des Kaisers neue Kleider
===> Gebrüder Grimm: Die kluge Else

==> Klagelied der Raumpflegerin Ernestine Nimak
==> Auszug aus der Typologie
==> Wegelagerer und Schornsteinfeger
==> Lehrstück: Die Konferenz der Sicherheitsexperten
==> Lehrstück: Die Krankheit der Schornsteinfeger
==> Gesundheitsreform nach bewährtem Muster

 



Kurze Anmerkungen zur Satire


 

Abarten gesellschaftlicher Zwänge lassen sich mit Hilfe der Satire am ehesten durchschauen. Die ausufernden Begleiterscheinungen des deutschen Schornsteinfegerwesens sind dem gesunden Menschenverstand nicht anders plausibel zu machen. Denn die Macht der Gewohnheit lässt mit der Zeit auch das als normal erscheinen, was der Vernunft widerstrebt. Eine Satire lässt in die Abgründe der Zwangsmassnahmen blicken.

Diktaturen jeglicher Coleur sind durch die politische Satire entlarvt worden, indem sie deren Schwächen freilegte. Das gilt auch für die Zwänge eines jedem nüchtern denkenden Menschen widerstrebenden Gesetzeswerkes. Aus dieser Erkenntnis erwächst der Widerstand gegen dessen Anwendung.

Das Schornsteinfegergesetz hat sich mittlerweile so im Dschungel von ländereigenen Verordnungen verfangen, dass es nicht mehr reformierbar ist. Seltene Ausnahmenerscheinungen sind mittlerweile als gängige Gefahrenquellen hochgepuscht worden, um daraus völlig nutzlose Dienstleistungen abzuleiten. Vernunft und zunehmender Widerstand in der davon direkt betroffenen Bevölkerung lässt keine andere Lösung als die einer völligen Deregulierung mehr zu. Betroffen sind wir jedoch alle davon in Form der daraus herrührenden gestiegenen Wohnnebenkosten.

Alle politischen Parteien haben es bisher versäumt, dem mit stetig wachsenden Befugnissen ausgestatteten Schornsteinfegerwesen Einhalt zu gebieten. Die folgenden Satiren sollen dazu beitragen, diesem Monster zu Leibe zu rücken.

 



Klagelied der Raumpflegerin Ernestine Nimak


 

Dienstags putze ich bei Frau Nerhek. Und das schon seit paar Jahren. An dem einen Dienstag, von dem ich erzähle, musste Frau Hertnek mit der Jüngsten zur Einschulung. Sie sagte mir noch, der Schornsteinfeger käme gleich. Ich brauchte mich aber nicht weiter um ihn zu kümmern, der wisse Bescheid. Das Geld für ihn läge in der Garderobenschublade. Aufrunden solle ich nicht, der wäre eh schon teuer genug.

Um 10 klingelte es und ein junger Mann steht vor der Tür. Um die Schulter trug er einen aufgerollten Drahtbesen mit 'ner Kugel dran. Er ging schnurstracks die Treppe hoch zum Dachboden. Ich hörte ein Kratzen in der Wand. Das ging mir durch Mark und Bein. Bald war er wieder unten und stellte seine Zeugs ab. Er ging noch kurz herunter zum Heizraum. Ich staubte derweil im Wohnzimmer ab.

Als der junge Mann fertig war, riss er einen Zettel von einem Block und sagte, er bekäme 25 Euro und 65 Cent. Ich guckte auf die Uhr. Als der klingelte hatte es gerade Zehne geschlagen und jetzt war es nicht einmal zehn nach zehn. Hatte ich mich verhört? Ich wiederholte: "28 Euro und 45 Cent?". Ja, ich habe richtig gehört, das sei aber schon mit Mehrwertsteuer, antwortete er.

Mir blieb die Spucke weg - ich dacht', ich werd' verrückt. Für das Geld putz' ich mich 'nen ganzen Vormittag lang dumm und dusslig. Und soviel will der Schnösel für ein paar Minuten Wandkratzen haben. Dabei hat der sich noch nicht einmal schmutzig gemacht. Sein Schal ist noch so weiß wie vorher. Da muss ich wohl ausgeflippt sein. Ich renn zur Haustür, stoß' sie auf und schrei den Kerl an: "Raus, du Halsabschneider! Aber schnell - sonst helf ich dir mit dem Schrubber nach!". Das Staubtuch hätte ich ihm wenigstens um die Ohren schlagen sollen. Der Kerl wurde puterrot im Gesicht, sagte kein Wort, nahm schleunigst seine Drahtrolle und verschwand ohne Geld. Irgendwas murmelte er. Ich sah ihn dann beim Nachbarn klingeln.

Es ist ja nicht mein Geld was der verlangt. Aber soviel nur für'n bisschen Kaminkratzen. Dafür schaff' ich den ganzen Vormittag lang. Und Frau Nerhek ist gewiss nicht knickrig. Wenn die so'n Besen mit 'ner Drahtrolle hätte, könnte ich ihr auch ab und zu noch flugs den Kamin kehren.

Als ich mir hinterher im Heizraum den Eimer mit dem Kamindreck besah, schoss mir schon wieder die Galle hoch. Da war ja noch viel weniger drin wie in dem Staubsaugerbeutel, den ich jede Woche in den Mülleimer werfe. Nur ist das Zeug viel schwerer gewesen.

 



Auszug aus der Typologie


 

Eine Variante des "homo oecologicus" macht sich hierzulande breit:

Die Spezies 'homo ego oekologicus'

Ihr Leitmotiv sind Ökologie und Umwelt.

Triebfeder ihres Handelns sind Wichtigtuerei und anmaßender Egoismus.

Eine ihrer Untervarianten macht sich außerdem noch die Urängste vor Schadensfeuer und neuerdings auch noch vor dem tödlichen Kohlenmonoxyd zunutze.

Außerdem profitiert sie auch noch von weitverbreitetem primitivem Aberglauben.

Ihre Schutzpatrone sind eine willfährige Beamtenschaft.

Der umhegte raffgierige Typ

Er mißt und bestätigt für fürstlichen Lohn Jahr für Jahr, daß der Heizkessel umweltfreundlich arbeite und nur noch einen klitzekleinen Rest Ruß herausblase.

Diesen klitzekleinen Rest aber fegt er
- der Schornsteinfeger -
- staatlich sanktioniert,
Jahr für Jahr mit seinem goldenen Besen.

Ruhigen Gewissens läßt er sich auch das noch versilbern.

 



Wegelagerer und Schornsteinfeger


"Wer Schornsteinfeger Wegelagerern gleichsetzt, sagt die Unwahrheit.
Das Gegenteil ist der Fall."


Zur Klarstellung eine vergleichende Gegenüberstellung


Wegelagerer lauerten ihren Opfern auf

Schornsteinfeger kündigen sich vorher an

 

Wegelagerer verstießen gegen das Gesetz

Schornsteinfeger sind Nutznießer des Gesetzes

 

Wegelagerer waren arme Teufel

Schornsteinfeger hocken auf ihren Pfründen

 

Wegelagerer wurden geächtet

Schornsteinfeger werden als Glücksbringer geschätzt

 

Wegelagerer mieden die Staatsgewalt

Schornsteinfeger nehmen sie in Anspruch

 

Wegelagerer hatten keine Fürsprecher

Schornsteinfeger pochen auf ihre Fürsprecher

 

Wegelagerer gingen Potentaten aus dem Weg

Schornsteinfeger biedern sich solchen an

 

Wegelagerer lebten chaotisch

Schornsteinfeger leben fürstlich

 

Wegelagerer waren allseits gefürchtet

Schornsteinfeger werden zwangsläufig geduldet

 

Wegelagerer lebten fernab von ihren Opfern

Schornsteinfeger leben mitten unter ihnen

 

Wegelagerer hatten ihr eigenes Beuterevier

Schornsteinfeger haben ihren eigenen Kehrbezirk

 

Wegelagerer zählten sich zu den Freibeutern

Schornsteinfeger zählen sich zu den Handwerkern

 

Wegelagerer endeten zumeist im Knast

Schornsteinfeger genießen ihren Ruhestand

 

Wegelagerer raubten, was nicht niet- und nagelfest war

Schornsteinfeger kassieren sogar für das, was sie nicht taten

 

Wegelagerer sind hierzulande gottlob Vergangenheit

Schornsteinfeger sind hierzulande immer noch Gegenwart



Lehrstück: Die Konferenz der Sicherheitsexperten


"Wir müssen den Mut zur Wahrheit haben, den Mut, zu verbrennen, was wir gestern anbeteten.
Dafür haben wir das Denkvermögen."

Henri Barbuss (1873-1935)


 

Die BSE- und MKS-Krise veranlaßten die Bundesregierung, eine Experten-Kommission für Gesundheit und Sicherheit ins Leben zu rufen. Mitglieder dieser Kommision sind:

Je ein Vertreter der Berufsgenossenschaft, der Straßenverkehrssicherheit, der Feuerwehr, des THW, der Baupolizei, des Katastrophenschutzes;

aus der Ärzteschaft je ein Sportarzt, ein Unfallarzt, ein Unfallchirurg, ein Betriebsarzt, ein Gerontologe, ein Kinderarzt, ein Spezialist für altersgemäße Ernährung;

aus der Industrie je ein Vertreter der Nahrungsmittelindustrie, der Fahrzeugindustrie, der Elektroindustrie, der Spielzeugindustrie, der Sportgerätehersteller;

je 1 Ingenieur für Straßen- und Wegebau, für Bahnen aller Art, für Küstenschutz und Wasserwege;

1 Volkswirtschaftler, 1 Versicherungsmathematiker, 1 Finanzexperte.

Jeder der verpflichteten Teilnehmer hat drei Monate Zeit, Material über Unfallhäufigkeit, Unfallpotentiale, Kosten der Schadensfälle und Kosten der Schadensvermeidung zusammenzustellen. Der beschlußfassenden Konferenz geht eine Bestandsaufnahme aller bereits bestehenden Sicherheitsmaßnahmen voraus.

Während der Konferenz werden die volkswirtschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Kosten nach Sicherheitsgraden in 10 abgestuften Niveaus errechnet.

Diese Berechnungen ergeben, daß die 3 höchsten Sicherheitsgrade unbezahlbar sind. Ihre Durchführung hätte einen Großteil der Bevölkerung unter die Armutsgrenze gebracht. Die beiden nächstniedrigen Sicherheitsstufen führen zu einem derart großen Einschnitt in den Lebensstandard, daß sie in der Bevölkerung keine Akzeptanz finden würden. So einigt man sich nach tagelangem Verhandeln auf ein bezahlbares Sicherheitsniveau.

Daraufhin werden alle schon vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen einer strengen Kosten/Nutzen-Analyse unterzogen. Auf der dabei entstandenen "Streichliste" steht an erster Stelle der überwiegende Teil bisheriger Tätigkeiten der Schornsteinfeger.

 



Lehrstück: Die Krankheit der Schornsteinfeger


 

Besorgte Ärzte legen den Schornsteinfegern dringend nahe, in den vorgezogenen Ruhestand zu treten. Eine gefährliche Berufskrankheit bedrohe ihre Gesundheit ab dem 30. Lebensjahr. So bleibt nur noch jeder achte Schornsteinfeger im Dienst, der fernerhin mit Hilfe einer Atemschutzmaske gefahrlos verrichtet werden kann.

Experten überlegen, wie dennoch der Sicherheit vor Bränden und Kohlenmonoxydvergiftung Genüge zu tun sei. Sie kommen wegen des Personalmangels aber zu keinem anderen Ergebnis, als je 8 Kehrbezirke zusammen zu legen.

Die Feuerstättenschau wird wieder abgeschafft. Das nutzlose Kehren des Rauchrohres macht man wieder rückgängig. Die Abgasmessung findet alle 3 Jahre statt, bei gewarteten Anlagen macht es die Heizungsfirma. Die seither zu hoch veranschlagte Zeit für die einzelnen Tätigkeiten ist die zeitliche Reserve, um den vorgegebenen Turnus einzuhalten. Man einigt sich, daß bei einer Zunahme von Bränden und Vergiftungen, durch erhöhte Ausbildungszahlen den Turnus verkleinert würde.

Bei einer Bestandsaufnahme nach 5 Jahren kommt man überraschenderweise zu dem Ergebnis, daß der achtjährige Turnus für das Kehren ohne weiteres auf 10 Jahre gesteigert werden kann, der für das Messen wird auf 5 Jahre erhöht.

Fiktion in dieser Geschichte ist lediglich die erfundene Berufskrankheit der Schornsteinfeger. Die Tätigkeit der Schornsteinfeger war einst durch den intensiven Umgang mit dem Ruß gesundheitsschädlich. Heute ist sie allein schon wegen des häufigen Treppensteigens der Gesundheit eher zuträglich.

Die nun seltener gekehrten nahezu rußfreien Rückstände fallen ohnehin größtenteils auf die Kaminsohle herab. Der an den Kaminwänden verbleibende Rest birgt nicht die geringste Gefahr für Brände und Verstopfungen. Verglichen mit dem rauhen Betrieb der alle 2 Jahre gemessenen Fahrzeuge ist der fünfjährige Turnus für die Abgasmessung ausreichend.

 



Gesundheitsreform nach bewährtem Muster

"Ein Zuviel an Gesundheit macht krank"

Gustave Flaubert

Der Inhalt

=> Statt eines Prologs: Die Parabel vom vorsorglichen Inselkönig
=> Satire: Gesundheitsreform nach Muster 'Schornsteinfegerwesen'
=> Statt eines Epilogs: Ratschläge für Politiker

"Es gibt tausend Krankheiten,
aber nur eine Gesundheit"

Ludwig Börne



Die Parabel vom vorsorglichen Inselkönig


 

Es lebte einst ein junger König, dessen Königreich aus einer einzigen Insel bestand. Der König herrschte noch nicht lange, als ihm die Nachricht überbracht wurde, auf dem Festland sei die Pest ausgebrochen. Da fragte er seinen Leibarzt, was er gegen die Pest tun solle. Dieser riet ihm, alle seine Untertanen gegen die Pest impfen zu lassen. Da sandte der König eine Abordnung von Ärzten auf das Festland, um abgetötete Pestbakterien als Impfstoff zu gewinnen. Damit ließ der König alle seine Untertanen gegen die Seuche impfen. Außerdem ließ der König alle Strände der Insel Tag und Nacht bewachen, damit kein Fremder die Insel betreten oder verlassen konnte.

Die Pest raffte ein Drittel der benachbarten Festlandbewohner dahin. Im Inselkönigreich aber starb niemand an der Pest, bis auf die dem riskanten Impfprozesses zum Opfer gefallenen. Als die Seuche auf dem Festland abgeklungen war, ließ der König verkünden, dass dank seiner weisen Voraussicht alle seine Untertanen von der Pest verschont geblieben seien.

Am nächsten Tag ersuchte einer der Untertanen um eine Audienz beim König. Er lobte den König ob seiner weisen Voraussicht. Dennoch sei er der Meinung, das Impfen sei nicht notwendig gewesen. Das Bewachen der Strände hätte vollauf genügt.

Daraufhin ließ der König den Rat der Weisen zu sich kommen, um ihn zu befragen.

Der erste der Weisen bekundete, des Königs Aussage wäre nur wahr, wenn nur ein Teil seiner Untertanen geimpft worden wäre. Hätten diese die Pest überlebt, und die anderen nur zum Teil, so wäre der Beweis erbracht, dass das Impfen erfolgreich gewesen sei - wenn auch nur für die geimpften Untertanen.

Der zweite der Weisen wandte ein, auch das Impfen eines Teiles der Untertanen wäre überflüssig gewesen, falls alle, Geimpfte wie nicht Geimpfte, die Seuche überlebt hätten, ausgenommen die Impfopfer.

Schließlich fasste der dritte der Weisen zusammen, dass, nachdem nun die Pest vorüber sei, niemand mehr in der Lage wäre, die Wahrheit zu finden. Denn das vorsorgliche Impfen aller Untertanen lasse danach keine exakte Aussage mehr zu. Somit sei die Suche nach der Wahrheit erfolglos.

Von nun an erkundigte sich der junge König vor wichtigen Entscheidungen bei Experten ihres Faches und beriet seine Aussagen mit seinen Weisen.

 



Gesundheitsreform nach Muster 'Schornsteinfegerwesen'


 

In einem Staat, dessen Gesundheitspolitik der unseren ähnlich war, suchten vor vielen Jahren Politiker nach mehreren fehlgeschlagenen Reformen des Gesundheitswesens nach einer dauerhaften Lösung. Deswegen zogen sie sich einige Tage an einen abgelegenen Ort zurück, um sich in der Stille zu beraten. In der ersten Nacht ihres Aufenthaltes brannte ein Haus nahe dem Hotel nieder. Als beim Frühstück der Oberkellner bemerkte, Brände wie dieser seien in Deutschland nicht möglich, wurden einige der Politiker hellhörig. In Deutschland gehörten dank vorsorglichen regelmäßigen Kaminkehrens Brände von Wohnhäusern der Vergangenheit an, behauptete der Ober weiter. In früheren Zeiten, als auch in Deutschland die Kamine nicht regelmäßig gekehrt worden seien, wären auch dort häufig Häuser niedergebrannt, ergänzte der Kellner. Sein deutscher Freund, einer der dortigen Schornsteinfeger, schwöre darauf, Vorsorge sei die billigste Verhütungsmaßnahme.

Zu Beginn der Beratungen wurde der Vorschlag unterbreitet, man solle eine Abordnung deutscher Schornsteinfeger einfliegen lassen. Würde man dem Kellner Glauben schenken, sei es erwägenswert, zu überlegen, ob man die erfolgreichen deutschen Vorsorgemaßnahmen in Sachen Brände nicht auch auf das eigene Gesundheitswesen übertragen könne.

Nachdem die deutschen Schornsteinfeger ihre erfolgreichen Vorsorgemaßnahmen - durch Statistiken belegt - zur Kenntnis gebracht hatten, war die einhellige Meinung aller anwesenden Politiker, das deutsche Schornsteinfegerwesen als Musterbeispiel an Vorsorge anzuerkennen. Seine Prinzipien böten die beste Gewähr, das in der Vergangenheit stets kränkelnde Gesundheitswesen erfolgreich zu reformieren.

Es galt die Prämisse: Das deutsche Schornsteinfeger hat in der Vergangenheit bewiesen, dass dank konsequenten jährlichen Kehrens sämtlicher Kamine und Abzugsrohre - ob sauber oder schmutzig - Kaminbrände und Kaminverstopfungen verhindert worden seien. In Deutschland gehören Brandkatastrophen und Abgasvergiftungen somit fast ausnahmslos der Vergangenheit an.

Man war sich einig: Jede Art von Vorsorge schützt vor Folgeschäden. Wenn die Deutschen dank jährlichen Kaminfegens Brände und Vergiftungen zu verhindern in der Lage sind, lassen sich auch im eigenen Land durch regelmäßige Untersuchungen aller Bürger in Zukunft Krankheit und Siechtum vermeiden!

Der Gesundheitsausschuss des Parlaments ließ ein umfangreiches Gesundheitsreformprogramm ausarbeiten. Eingriffe in die Entscheidungskompetenz der Bürger erforderten eine Änderung des Grundgesetzes, der alle Parteien zustimmten.

Das neue Gesundheitsreformgesetz nahm im Eilverfahren die parlamentarischen Hürden. Wochen später war es vom Staatsoberhaupt unterzeichnet, so dass es zum folgenden Jahresbeginn in Kraft treten konnte. Das Gesetz, kurz "Gesundheitsvorsorgemaßnahmen" genannt - abgekürzt GEVOMA - galt als die Jahrhundertreform schlechthin. Das Gesetz schrieb ein allumfassendes Vorsorgeprogramm für die gesamte Bevölkerung - vom Säugling bis zum Greis - vor.

Das Motto der GEVOMA lautete: "Wer vorsorgt, erspart sich das Heilen!" Mit Hilfe einer aufwendigen Aufklärungsaktion wurde jedem Staatsbürger die Erkenntnis vermittelt, dass Vorsorgekosten Therapiekosten ersparen, dass ferner jede Art von gesundheitlicher Vorsorge der allgemeinen Volksgesundheit diene. Jeder Bürger war verpflichtet, sich den vorgeschriebenen Vorsorgemaßnahmen zu unterziehen. Nach einer generellen Einstufungsuntersuchung aller Bürger erhielt jeder einen Gesundheitspass mit dem vermerkten Gesundheitszustandslevel. Dieser war in Kennziffern von 1 bis 10 festgelegt.

Eine Auszug aus den verordneten Vorschriften zeigt die Weitsicht der Mütter und Väter von GEVOMA. Dies sei zunächst am Beispiel der vorgeschriebenen Impfprogramme verdeutlicht. Im Gesundheitsministerium wurde die Abteilung "Impfvorsorge" gebildet. Deren Aufgabe war die Festlegung und Überwachung der diversen Impfprogramme.

Im Folgenden einige Beispiele daraus:
Das bisherige Impfprogramm für Säuglinge und Kleinkinder wurde erweitert.
Die Pockenimpfung wurde wieder eingeführt.
Jeder Bürger über 60 Jahre musste sich Jahr für Jahr gegen die heranziehende Grippe impfen lassen.
Jeder Bürger musste sich gegen Borreliose impfen lassen.
Reisen in tropische Länder wurden nur Bürgern mit einem Gesundheitslevel von 1 bis 3 gestattet.

Spitzenpolitiker und Gewerkschaftler waren des Lobes voll über diese arbeitsplatzschaffenden Maßnahmen.

Ein vorgeschriebener alljährlicher Sanatoriumsaufenthalt aller Berufstätigen hatte den Nebeneffekt, die Arbeitslosigkeit restlos abzubauen. Denn der Ausfall der sich vier Wochen lang in Abwesenheit befindlichen Arbeitnehmer musste zwangsläufig durch Neueinstellungen ersetzt werden. Dadurch flossen die Mittel zur Arbeitslosenunterstützung in voller Höhe dem Gesundheitswesen zu. Die neu errichteten Sanatorien gaben den bislang vernachlässigten ländlichen Regionen einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung.

Der Gesundheits-Check der Berufstätigen erfolgte während des jährlichen Sanatoriumsaufenthaltes. Alle anderen wurden einem dreistufigen Vorsorgeprogramm unterzogen:
Der jährliche Untersuchungsturnus erfolgte ambulant, während die alle drei Jahre vorgeschriebenen umfangreicheren Untersuchungen während eines dreitägigen Klinikaufenthaltes stattfanden. Der alle 10 Jahre erfolgende große Gesundheits-Check erforderte dagegen einen einwöchigen Aufenthalt in einem der zahlreichen Sanatorien.

Das Gesundheitswesen wurde über den Staatshaushalt finanziert. Statt der bisherigen Beiträge zu den Krankenkassen wurde eine Gesundheitssteuer erhoben. Die Liquidation der Krankenkassen führte zu weiterer Freisetzung dringend benötigter Arbeitskräfte.

Da die Einführung der GEVOMA alle Lebensbereiche betraf, dauerte es Jahre, bis alle vorgeschriebenen Maßnahmen durchgeführt werden konnten. Die Industriesparte Medizintechnik prosperierte, da ein unerwartet großer Gerätepark erforderlich wurde. Die unvorhergesehen hohen Gesamtkosten wurden auf die vorübergehende Parallelität von Vorsorge und noch verbliebenen Therapiemaßnahmen zurückgeführt.
Jeder war sich sicher: Erst wenn die Vorsorgemaßnahmen voll greifen, sinken auch die Heilungskosten.

Der Finanzminister war gezwungen, von Jahr zu Jahr höhere Kredite aufnehmen. Die Staatsverschuldung wuchs ins Unermessliche. Die Inflationsrate erklomm zweistellige Werte. Im Laufe von zehn Jahren schnellte der Anteil des Gesundheitswesens am BIP von 16% auf über 40% hoch. Der Außenhandel kam fast zum Erliegen. Denn die hohen Gestehungskosten der Exportgüter verhinderten deren Absatz auf dem Weltmarkt. So kam die einst blühende exportorientierte Industrie völlig zum Erliegen. Die freigesetzten Industriearbeiter verloren den Besitzstand ihres jährlichen Sanatoriumsaufenthaltes. Somit waren die Sanatorien in ihrer Existenz bedroht. Die Arbeitslosigkeit schwoll an. Etwa 30% der Bevölkerung lebte bei der letzten Erhebung unter der Armutsgrenze.

All diesen Nachteilen zum Trotz hatte das Land im internationalen Vergleich die geringste Sterblichkeitsrate, trotz der gestiegenen hohen Selbstmordrate. Die Lebenserwartung stieg allein schon aufgrund der durch Armut bedingten einfacheren Kost. Kein anderes Land hatte einen so hohen Gesundheitsstandard wie dieses. Da seine Geburtenrate weltweit am niedrigsten lag, wuchs zwangsläufig auch der Altersdurchschnitt der Gesamtbevölkerung.

Die weitere Entwicklung dieses Landes findet wegen schwindenden Interesses wenig Beachtung. Der grenzüberschreitende Reiseverkehr ist fast völlig zum Erliegen gekommen. Die Pressekorrespondenten und Vertreter der Medienanstalten rückten bereits ab. Die Botschaften sind durch Konsulate ersetzt worden. Neuere Daten über das Land sind nicht bekannt.

 



Statt eines Epilogs: Ratschläge für Politiker


 

Weitreichende Maßnahmen erfordern Expertenwissen und Augenmaß.

Persönlich Begünstigte von neuen Maßnahmen dürfen in keinem Falle als Experten herangezogen werden.

Eine Kosten-/Nutzen-Analyse ist bei allen neu eingeführten Maßnahmen unumgänglich.

Das nützliche Machbare hat seine Grenzen dann, wenn niemand es bezahlen kann und will.

Populäre Glanzstücke halten in der Regel nicht das, was sie versprechen.

Dem Volk "auf's Maul zu schauen" ist besser, als am Volk vorbei zu verordnen.

Dem Volk immer nach dem Maul zu reden macht unglaubwürdig.

Wählerfang rächt sich bitter, wenn billige Versprechen nicht zu halten sind.

Persönliche Besitzstände dürfen nicht von Dauer sein. Sie müssen von Zeit zu Zeit auf ihren allgemeinen Nutzen abgeklopft werden.