Relikt Schornsteinfegerwesen


"Ich finde nichts vernünftiger in der Welt,
als von den Torheiten anderer Vorteile zu ziehen."

Johann Wolfgang von Goethe


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Einleitung

Als mein Schornsteinfeger außer der Reihe meinen Kamin kehren wollte, kam mir die Geschichte von dem Schotten, dem ein Dackel zugelaufen war, in den Sinn. Großherzig kaufte er beim Schlachter einen Fleischknochen, den er dem hungrigen Tier jeden Morgen für eine Stunde zum Abknabbern hinwarf. Das tat er so lange, bis das Tier verendet war. Mein Knochen ist mein Kamin. Diesen überlasse ich meinem Schornsteinfeger Jahr für Jahr zum Kehren, obwohl es wenig zu Kehren gibt. Als ich ihm einst nahelegte, doch mal paar Jahre auszusetzen, belehrte er mich: "Das wäre gegen die Vorschrift". Doch nun wollte er gar zweimal im Jahr kehren, sich auf eine brandneue Verordnung aus dem Stuttgarter Ministerium berufend. Erst nachdem ich dies schwarz auf weiß sehen wollte, ging er und kam zum üblichen Kehrtermin wieder.

Der Dackel des Schotten verhungerte - mein Bezirksschornsteinfegermeister lebt wie die Made im Speck. Als sein Geselle 1994 meinen Kamin kehrte und zusätzlich während des Treppensteigens auch noch das Umfeld des Kamins in Augenschein nahm, was Feuerstättenschau genannt wird, verlangte er dafür DM 42,88. Er hat nicht länger als 5 Minuten gebraucht. Ich kann mir keinen billigeren Schornsteinfeger aussuchen. Der Staat schreibt die Gebühren vor. In den letzten 25 Jahren wurden dem Schornsteinfeger neben dem bisherigen Kaminkehren noch die folgenden saftigen Brocken hingeworfen: das alljährliche Überprüfen oder gar Kehren des Rohres vom Heizkessel zum Kamin; die alle 5 Jahre fällige Feuerstättenschau; die Emissionsmessung, als jährliche Kontrolle der Abgase des Heizkessels.

Handwerker hohen Selbstwertgefühls

Die Schornsteinfeger zählen sich zu den Handwerkern, obwohl ihre ausgeübten Tätigkeiten kaum handwerkliche Fertigkeiten erfordern. Im Anschluß an die Lehre wird dem Gesellen nach 10-jähriger Tätigkeit und Ablegung einer Meisterprüfung ein Kehrbezirk zugeteilt. Nun ist er ein "beliehener Unternehmer", der bei einem Spitzeneinkommen keine Konkurrenz zu fürchten hat und nie pleite machen kann. Diese fette Pfründe besitzt er auf Lebenszeit! Kein Wunder, daß Schornsteinfegers Söhne des Vaters Beruf ergreifen, selbst wenn sie das Abitur in der Tasche haben. Um die wenigen Lehrstellen reißen sich die Bewerber, die aber einen deutschen Paß haben müssen. Die Bundesrepublik ist in etwa 8 000 Kehrbezirke eingeteilt. In der "Kehr- und Überprüfungsordnung (KÜO)" ist alles genauestens geregelt.

Meine erste Begegnung mit einem frischgebackenen Bezirksschornsteinfegermeister hatte ich 1975, als dieser in meinem Hause die erste Emissionsmessung vornahm. Als er dafür 31,86 DM verlangte, wies ich ihn darauf hin, daß mein Arzt für einen Hausbesuch weniger bekäme.

Dieser könne aber nicht, so wie er, von Haus zu Haus gehen und habe sogar 10 Jahre harter Ausbildung hinter sich. "Ich habe aber 10 Jahre auf meinen Bezirk warten müssen", war die lapidare Antwort. Daß mein Heizkessel 1 Kubikmeter Wasser fasse, höchstens aber 120 Liter, erfuhr ich schon vor der Messung.

Der Beruf des Schornsteinfegers ist noch recht jung. Die erste preußische Schornsteinfegerinnung bildete sich Anfang des 18.Jahrhunderts in Berlin. Die zunehmenden Kaminbrände machten es notwendig, deren regelmäßige Reinigung vorzuschreiben. Bis dahin kehrte jeder seinen Kamin selber. In Norddeutschland kassierten die Schornsteinfeger in den Anfangszeiten ihr Kehrgeld am Neujahrstag - in einem wünschten sie ein gutes Neues Jahr. Irgendwann tauchten die Neujahrskarten mit dem Image des Schornsteinfegers auf: rußwangig mit Zylinderhut und Leiter. Dieses Image fand man auch bei Talismanen und Maskottchen. Abergläubische versprachen sich von der Begegnung mit dem Schornsteinfeger Glück.

Mythos Schornsteinfeger

Bei Schornsteinfegern und Bäckern ist die Farbe der Arbeitskleidung ihrem beruflichem Medium angepaßt. Aber wer bekommt schon einen Bäcker zu Gesicht? Die selteneren Schornsteinfeger dagegen sieht man oft und überall: auf der Straße, im Treppenhaus, seltener auf dem Dach. Der Schornsteinfeger ist zum Anfassen und zum Vorzeigen. Er läßt sich gern "Glücksbringer von Beruf" nennen. Bei folkloristischen Umzügen ist er dabei; auf Hochzeitsfotos, bei Neujahrsempfängen, bei der Glückslotterie im Fernsehen sieht man ihn. Schornsteinfeger-Gutenacht-Geschichten tauchen schon in Kinderbüchern auf.

Den Schornsteinfegern kommt der Nimbus des schwarzgekleideten Mannes zugute. Je nach Art und Schnitt der Kleidung verkörpert dieser sowohl den gemeinen Schuft als auch die würdevolle Respektsperson: auf der Bühne erscheint Mephisto in schwarzem Umhang; bei Gericht trägt der Richter eine schwarze Robe.

Schwarze Uniformen verbreiten Ängste: es sei an die Todesschwadronen und die SS erinnert. Der schwarze Knecht Ruprecht lehrt die Kinder das Fürchten, wogegen der Zauberer im schwarzen Smoking Illusionen weckt. Die schwarze Arbeitskleidung des Schornsteinfegers weckt Vertrauen und Sicherheit in einem.

Um gleich dem Schmied in die Mythologie einzugehen kam der Schornsteinfeger zu spät. Aber nicht zu spät kam er, um einen Mythos aufzubauen. Seine zwanghaften roboterhaften Bewegungen während der Arbeit und der, wohl vom häufigen Treppensteigen geprägte, leicht tapsige Gang verbürgen Fleiß, Zuverlässigkeit und Bescheidenheit: erhaltens- und hegenswerte Tugenden. Nur vor diesem unterschwelligen Hintergrund läßt sich die irrationale Bevorzugung der Schornsteinfeger erklären, die ihnen nach und nach lukrative Aufgaben einbrachte. Eine Lobby pur hat soviel Macht und Einfluß nicht!

Von staatlichen Entscheidungsgremien begünstigt

Handwerkliche Berufe unterliegen schonungslosen evolutionären Spielregeln, deren Motor Strukturwandel und technischer Fortschritt sind. Die einen verschwinden oder verkümmern, die anderen bilden sich neu. Küfer, Seiler und Korbmacher z.B. sind nicht mehr gefragt, dafür aber Kraftfahrzeugmechaniker, Heizungsbauer und Kältetechniker. Mit der drastischen Zunahme der Öl- und Gasheizungen verminderte sich zudem der Stoff, der die Schornsteinfeger einst erforderlich machte: der Ruß. Der Kamin mußte aber dennoch viermal im Jahr gekehrt werden.

Die steigenden Öl- und Gaspreise und das stetig wachsende Umweltbewußtsein trieben die Entwicklung auf den heutigen hohen Standard der Öl- und Gasbrenner. Diese sind nicht nur sparsam im Verbrauch, sondern sie emittieren bei optimaler Einstellung kaum noch Ruß. Bei nur einmaligem Kehren drohte 3 von 4 Schornsteinfegern das Aus. Während viele überflüssige Handwerker in der Industrie ihr Auskommen suchen mußten, brauchten die Schornsteinfeger nicht um ihre Zukunft zu bangen - im Gegenteil: sie fielen in ein komfortables Netz hohen Einkommens verbunden mit einem gestiegenen Status. Ihnen wurden nach und nach die bereits genannten Aufgaben übertragen. Endlich brauchte bei der Mehrzahl der Anlagen nur einmal im Jahr der Kamin gekehrt zu werden.

Messen und kehren: Wie oft und von wem?

Die Technischen Überwachungsvereine (TÜV) kontrollieren seit jeher die Emissionen der Kraftwerke und Industrieanlagen. Sie und die Fachwerkstätten kontrollieren regelmäßig die Schadstoffemissionen der Kraftfahrzeuge. Sinnvollerweise sollten für die Emissionsmessung der Heizkessel auch der TÜV und die Heizungsfirmen zuständig sein. Doch die staatlichen Entscheidungsgremien entschieden sich für die Schornsteinfeger. Diese vermitteln seither dem Hausbesitzer Jahr für Jahr zum wievielten Male das beruhigende "durch den TÜV gekommen"-Gefühl. Ein Großteil der Kraftfahrzeuge bläst im Jahresdurchscnitt mehr Abgase durch den Auspuff, als der moderne Heizkessel eines Niedrigenergie-Einfamilienhauses jährlich ausstößt. Schon allein die krassen unterschiedlichen Betriebsbedingungen rechtfertigen beim stationären Heizkessel einen wesentlich selteneren Kontrollzyklus als beim Auto. Bei gewarteten Anlagen genügten Stichproben, während bei den anderen der Jahresdurchsatz an Brennstoff den Meßzyklus bestimmen sollte.

Ein Fallbeispiel, bezogen auf das Kaminkehren: Bei einer Anlage mit einem Verbrauch von etwa 2000 Liter Heizöl kehrt der Schornsteinfeger jährlich weniger als 100 Gramm(!) an festen Rückständen aus dem Kamin. Der Löwenanteil verbleibt im Heizkessel, ein geringer Teil im Rauchrohr. Was in den Kamin gelangt, fällt überwiegend durch die Schwerkraft auf die Kaminsohle herab. Das weiß der Schornsteinfeger, aber nicht der brav zahlende Hausbesitzer. Würde der besagte Kamin nur alle 10 Jahre gekehrt, so wäre das ausreichend! Brandgefahr besteht bei der Konsistenz heutiger Rückstände ohnehin nicht.

Kehrbezirke und Sparpotential

Die Bundesländer sind in Kehrbezirke eingeteilt. Der Bezirksschornsteinfegermeister ist für die sachgemäße Ausführung der gesetzlich vorgeschriebenen Arbeiten in seinem Kehrbezirk verantwortlich. In der Regel unterstützt ihn dabei ein Geselle. Ein Kehrbezirk ist so bemessen, daß Meister und Geselle nach Maßgabe der auferlegten Arbeiten voll beschäftigt sein sollen. Dabei erwirtschaften sie 1998 etwa eine Viertelmillion DM; das bei geringen Sachkosten. Das Einkommen eines Bezirksschornsteinfegermeisters ist nach der Besoldungsgruppe A9 bemessen, der Spitzengruppe eines Beamten im mittleren Dienst. Der Schornsteinfeger als Unternehmer genießt zusätzlich noch steuerliche Vorteile. Da im privaten Bereich vor Ort kassiert wird, fällt keine nennenswerte Büroarbeit an; dennoch ist eine Bürohilfe eingeplant, deren Kosten auch zu Buche schlagen.

Die einzelnen Leistungen werden nach Arbeitswerten bezahlt. Ein Arbeitswert entspricht einer Minute Arbeit und deckt die Nebenkosten und Wegezeiten ab. Er stieg zwischen 1990 und 1997 von 0,93 auf 1,23 - entsprechend einem Stundensatz von DM 73,80. Die Arbeitswerte sind 1983 für Baden-Württemberg durch ein Gutachten einer Unternehmensberaterfirma mit Hilfe vom REFA (Reichsauschuß für Arbeitsstudien) erstellt worden. Danach hätte der Geselle im eingangs erwähnten Fall im Mittel 33 Minuten beschäftigt sein müssen. Da er es aber in 5 Minuten schaffte, betrug somit der reale Stundensatz schon im Jahre 1994 514,56 DM. Da muß etwas faul sein!

Bei 8 000 Kehrbezirken im gesamten Bundesgebiet fallen etwa 2 Mrd. DM Umsatz an. Eine Reduzierung auf die wirklich sinnvollen und notwendigen Arbeiten, unter Einbeziehung des freien Wettbewerbs, ergäbe für die Bundesrepublik ein Sparpotential von über 1,5 Mrd. DM. Wahrhaftig keine Peanuts!

Der Jahresetat der kapitalintensiven Max-Planck-Gesellschaft (MPG) mit ihren 78 Forschungsinstituten liegt etwa auf gleicher Höhe wie die jährlichen Kosten für die Schornsteinfeger, bei kaum geringerer Beschäftigtenzahl. Hochqualifizierte Wissenschaftler der MPG bangen wegen der knappen Mittel ständig um die Verlängerung ihres Arbeitsvertrages. Viele wandern notgedrungen in ausländische Forschungsstätten ab. Forschungsstätten werden geschlossen; wichtige Forschungsvorhaben bleiben auf der Strecke. Die Schornsteinfeger dagegen erfreuen sich beachtlicher jährlicher Steigerungsraten für zumeist überflüssige Tätigkeiten. Auf der einen Seite knausert der Staat an zukunftswichtigen Forschungen - auf der anderen plustert er einen ökonostalgischen Zopf auf Kosten seiner Bürger unnötigerweise auf!

Public Relation der Schornsteinfeger

Zu Beginn der Emissionsmessungen rührten die Schornsteinfeger mächtig die Werbetrommel für ihr unentbehrliches Handeln als Brennstoffsparer und Umweltschützer. Die Menge des eingesparten Heizöls wurde auf den Liter genau angegeben. Die Rückseite ihrer Briefumschläge ziert ein kreisrundes Logo, darunter der Vertrauen einflößende Spruch: "Zum Glück gibt's den Schornsteinfeger"; ferner: "Wir sorgen für Brandschutz, Umweltschutz, Energieeinsparung und beraten neutral!".

Die Schornsteinfeger kassieren in der Regel in bar. Dabei spüren sie den Unmut ob der hohen Gebühren. "Alle schimpfen mit mir. Mir gehört das Geld doch nicht", gab mir der Geselle im eingangs erwähnten Fall zur Antwort. Es ist die irrige Ansicht verbreitet, daß der Schornsteinfeger einen Teil der hohen Gebühren abführen muß. Die zuständigen Beamten stützen sich auf das mysteriöse REFA-Gutachten und lassen ihre verhätschelten Schützlinge im warmen Regen gedeihen. Da die Dienstleistungen staatlich verordnet sind und die Beträge nur zweistellig sind, wird zähneknirschend bezahlt - aber Unmut und Staatsverdrossenheit wachsen! Die Vermieter schlagen die Miete auf. Bei den Eigentumswohnungen steigen die Gemeinkosten. So blieb bisher alles beim alten.

Das Geschäft mit der Umwelt

Der begrüßenswerte Wandel zu einem breiten ökologischen Denken nahm den Staat in die Pflicht. Der Druck der Umweltfreaks, das kollektive schlechte Gewissen und die Angst vor übersehenen Versäumnissen, ließ die staatlichen Entscheidungsgremien Gesetze und Verordnungen erlassen, die zum Teil weit über das Ziel hinausschießen. So wuchs eine Schar von Nutzniesern heran, deren Spektrum von kriminellen Giftmüllschiebern bis hin zu sich harmlos dünkenden parasitären Biedermännern reicht, zu denen auch die Schornsteinfeger zählen.

Nicht Politik verdirbt den Charakter, sondern die hemmungslose Inanspruchnahme von Privilegien - von großzügigen Politikern und Beamten ersonnen und auf Kosten der Steuerzahler verordnet. Davon profitieren die Schornsteinfeger über Gebühr. Sie rechtfertigen ihr überflüssiges eingefahrenes Tun mit realitätsfernen Gesetzesvorschriften. Mit Katastrophenszenarien begegnen sie Kritikern: "Ohne das jährliche Kehren bauen die Vögel ihre Nester in den Schornstein und verstopften ihn. Deswegen sind bisher schon Menschen im Badezimmer erstickt", behauptete einst mein Schornsteinfeger. Soweit läßt sich der Realitätssinn verbiegen, wenn es dem eigenen Vorteil dient.

Wären die Schornsteine vor 300 Jahren statt mit dem leicht brennbaren Ruß mit den heutigen Rückständen behaftet gewesen - von der Menge ganz zu schweigen - so hätte es nie Schornsteinfeger gegeben. Wir sind den Ruß nahezu losgeworden, aber die Schornsteinfeger nicht. Im Gegenteil, sie haben sich vermehrt. Sie kehren und messen - ganz im keynesschen Sinne - weit mehr als notwendig. In Baden-Württemberg wurde die Zahl der Kehrbezirke seit 1985 um 43% auf 891 erhöht!

Das heutige Schornsteinfegerwesen dient mit höchster Priorität der Versorgung der Schornsteinfeger! Wenn ein maßgeblicher Ministerialbeamter feststellt, die simple Kamininspektion mit Hilfe eines Spiegels anstelle des aufwendigeren Kehrens brächte kaum eine Kostenreduzierung, weiß man, wo der Hase läuft. Laut Vorwort des "Handbuch für das Schornsteinfegerwesen in Baden-Württemberg" erfolgte die Rücknahme der Kehrhäufigkeit, um die Zahl der Kehrbezirke nicht noch um weitere zu erhöhen. Die drastische Abnahme der Rückstände wird nicht einmal erwähnt.

Die Kosten werden auf hohem Niveau gehalten, um das Einkommen der etablierten Schornsteinfeger zu garantieren. Die Mindereinnahme durch die Rücknahme der Kehrhäufigkeit wurde durch die einträgliche Emissionsmessung reichlich kompensiert. 1985 wurde die hochdotierte Feuerstättenschau neu geschaffen. Der eingangs erwähnte Gehilfe handelte rationell. Aber es entsprach nicht der neuen Vorschrift: demgemäß hätte sein Chef persönlich die Feuerstätte beschauen müssen. Das 1991 verordnete Kehren aller Rauchrohre ließ sich nicht durchsetzen. Sinnwidrigergerweise sind die Besitzer der weniger Brennstoff verbrauchenden bivalenten Heizungen heute verpflichtet, ihre Rauchrohre kehren zu lassen, während die der üblichen Anlagen nur noch zu kontrollieren sind. Da die häufigen Wegezeiten ein hoher Kostenfaktor sind, stellt sich die Frage, warum nicht alle Arbeiten in einem gemacht werden. Damit entfielen auch die mehrmaligen Belästigungen. Nach wie vor wird jede Tätigkeit am Vortag durch Aufkleber oder Symbolik am Hauseingang angekündigt. Aber kostensparende Rationalisierung wäre systemschädlich!

Als die britischen Gewerkschaften nach dem Verschwinden der Dampflok den Heizer auf der Elektrolok durchsetzten, herrschten Unverständnis und blankes Entsetzen. Was wird uns zugemutet? Jahr für Jahr müssen wir unsere nahezu sauberen Kamine kehren lassen. Jahr für Jahr müssen unsere Öl- oder Gasbrenner kontrolliert werden. Würde der Gesetzgeber eine derart übertriebene Sorgfalt den Menschen angedeihen lassen, so müßte das Passivrauchen der Vergangenheit angehören; effektive Vorsorgeuntersuchungen wären Pflicht; potentielle Rückfallstraftäter blieben bis an ihr Lebensende hinter Gittern. Dürfte noch jemand Auto fahren?

Fazit

Das heutige Schornsteinfegerwesen ist ein zum Mißbrauch neigendes überholtes Relikt, dessen weitere Existenz permanentes Unbehagen bereitet. Seine völlige Neugestaltung auf der Grundlage freien Wettbewerbs und dem unausweichlichen Schlachten heiliger Kühe ist dringend notwendig! Das Schornsteinfegerwesen wäre schon längst reformiert, wenn seine Kosten mit denen des Gesundheitswesens vergleichbar wären, oder wenn es über den Staatshaushalt finanziert werden müßte.

Wem zugemutet wird, unter ökologischen Vorwänden regelmäßig seinen Tribut zum Wohle einer hochgepäppelten eingeschworenen Kaste zu entrichten, verliert den Glauben an die Kompetenz des Gesetzgebers. Das heutige Schornsteinfegerwesen ist eine der zahlreichen Facetten, die das Leben bei uns verteuern und damit dem Standort Deutschland schaden. Es ist allerhöchste Zeit, diesen überflüssigen Ballast abzuwerfen. (1998)