(Der
folgende Artikel erschien am 5.8. 2005 in den "Stuttgarter
Nachrichten" und ihren Partnerzeitungen)
Reizfigur
Schornsteinfeger: Wird alles rund um
die Kamine noch teurer und komplizierter?
Deutschland
muss sein Kehrmonopol abschaffen, macht dies aber auf bürokratische Art. EU
wird nicht mehr allzu lange zuschauen.
Von
Rainer Wehaus
Brüssel. Es gibt Leute, die
behaupten. Deutschland könne sich vor lauter Vorschriften und Besitzständen
nicht mehr bewegen. Echte Fortschritte, so sagen sie, gäbe es nur noch auf
Druck des Verfassungsgerichts und der Europäischen Union. Wer sich die
Reformarbeiten am deutschen Schornsteinfegerwesen anschaut, dem kommt «diese
These fast zwangsläufig in den Sinn.
Die
Klagen über teure, unnötige und zum Teil doppelte Arbeiten der Schornsteinleger
sind alt. Wenn Bürger aufgerufen werden, unnötige Vorschriften zu melden,
landen die Glücksbringer mit dem Monopol zum Messen und Kehren seit vielen
Jahren stets auf einem Spitzenplatz.
Wirtschaftsministerium
in Berlin will viele Vorschriften erhalten.
Getan
hat sich gleichwohl lange Zelt nichts. Die deutsche Bürokratie drehte
allenfalls an ein paar Stellschrauben. Denn mit dem System selbst, das den
Brand- und Umwehschutz In Deutschland auf höchstem Niveau halten soll, ist sie
eigentlich ganz zufrieden. Dann kam der 2. April 2003.
An
diesem Tag leitete die EU-Kommission ein Verfahren gegen Deutschland ein. Die
Wettbewerbshüter forderten die Bundesregierung auf, das Kehrmonopol abzuschaffen.
Die genervten Hausbesitzer, die zuvor die EU mit Beschwerden überhäuft hatten,
atmeten auf. Sie hofften auf rasche Abhilfe. Doch die Politik ging das heikle
Thema langsam an. Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) war
einer der Ersten, die sich im September 2003 der Forderung der EU anschlossen.
Knapp ein Jahr später, als die erste Frist aus Brüssel bereits verstrichen war,
folgte Ihm Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD).
Der
Beamtenapparat arbeitet allerdings mit viel Liebe zum Detail an der Umsetzung.
Ziel ist es, möglichst viele Vorschriften und Besitzstande zu erhalten. Das
Ergebnis ist entsprechend: Mehr als zwei Jahre nach der Mahnung der EU, hat das
Bundeswirtschaftsministerium gerade mal ein Diskussionspapier fertig, dessen
Inhalt zudem von allen Selten abgelehnt wird.
Den
Schornsteinfegern geht der Entwurf zu weit, die Hausbesitzer sprechen von
einer; „Mogelpackung“. Auch die Bundesländer, die einer Reform zustimmen
müssen, haben fast einhellig Ablehnung signalisiert. Peinlich für Clement: Alle
Betroffenen sind sich darin einig, dass sein Plan das System noch komplizierter
und noch teurer machen würde. Dabei läuft die Aktion eigentlich unter dem
Stichwort Bürokratieabbau.
Baden-Württembergs
Wirtschaftsminister Ernst Pfister (FDP) lässt an dem Entwurf denn auch kein
gutes Haar; „Unsere Hauptkritikpunkte an dem System werden damit nicht
beseitigt“, sagte er unserer Zeltung, „Für die Verwaltungen würde der Aufwand
steigen und für die Bürger aller Voraussicht nach die Gebühren.“ „Er fordert
„einen echten und fairen Wettbewerb und ein Ende der unnötigen
Doppelmessungen“.
Die
Reformarbeiten verlaufen auch deshalb so zäh, weil die Politik dabei weniger
die Millionen Hausbesitzer Im Blick hat, als vielmehr die 8000 Bezirksschornsteinfeger
und deren Mitarbeiter. „Es geht nicht um die Sache“, grollt Ottmar Wernicke,
der die Hausbesitzer In Baden-Württemberg vertritt, „es geht nur um die
Versorgung einer bestimmten Berufsgruppe". Wernicke vermutet, dass die
Schornsteinfeger-Lobby mal wieder ganze Arbeit geleistet hat. „Dagegen sind wir
Waisenknaben“, sagt er. Und In der Tat: Mehrere Bundesländer, darunter auch
unionsregierte, stehen fest an der Seite der Schornsteinfeger. Hinzu kommen
finanzielle Interessen auf Seiten des Bundes.
Der
Bund will offenbar lieber weiterhin die Bürger zahlen lassen, bevor er selbst
zur Kasse gebeten wird. Schornsteinfeger sind nämlich so etwas wie Beamte. Sie
kümmern sich um Brand- und Umweltschutz im Auftrag des Staates; Im Gegenzug
muss dieser sie materiell absichern.
Würden
nun die Schornsteinfeger dem Wettbewerb ausgesetzt, müsste der Staat ihnen, so
sagen es zumindest die Beamten, die daraus resultierenden finanziellen
Nachteile ausgleichen. Allein bei der zusätzlichen Altersversorgung, die derzeit
über ein Umlageverfahren finanziert wird, kämen in den nächsten 30 Jähren 1,5
Milliarden Euro zusammen.
Da
das Bundesfinanzministerium solche Mehrkosten strikt ablehnt, strebt das
Bundeswirtschaftsministerium eine Lösung an, mit der das Kehrmonopol zwar
formal aufgehoben wäre, die 8000 Kehrbezirke aber zugleich erhalten blieben.
Ein Versuch, der die Experten Im Landeswirtschaftsministerium in Stuttgart an
die „Quadratur des Kreises“ erinnert. Allein schon auf Grund der Immer besser
werdenden Heizungsanlagen, die immer weniger Arbeit erforderten, sei eine
Reduzierung der Zahl der Schornsteinfeger unausweichlich, heißt es dort.
Auch
im Praxistest ist Clements Plan durchgefallen. Das Konzept sieht vor, dass sich
zwar künftig jeder Hausbesitzer für Messung und Kehrung seinen Schornsteinfeger
oder einen entsprechend ausgebildeten Heizungsinstallateur frei aussuchen kann.
Zugleich soll es aber weiterhin einen Bezirksinhaber geben, der die
Oberkontrolle ausübt. Er hat aber als garantierte Einnahmequellen nur noch die
Bauabnahmen und alle fünf Jahre die Feuerstättenschau.
Das
Landeswirtschaftsministerium hat dieses Modell in einem Rollenspiel getestet.
Ergebnis: Ein Kehrbezirk würde für Schornsteinfeger finanziell unattraktiv. Es
sei denn, der Oberkontrolleur erhebt so saftige Gebühren, dass es einen
Aufstand gäbe.
Zunft
bleibt gelassen: In Brüssel laufen manche Verfahren 15 Jahre
Clements
Entwurf muss nun überarbeitet werden. Die Zeit drängt. Bis Ende des Jahres hat
die Bundesregierung der EU-Kommission einen Gesetzentwurf zugesagt. Insider
gehen davon aus, dass sich Brüssel auf Grund der Neuwahl des Bundestags noch
ein paar Monate hinhalten lässt. Aber nicht sehr viel länger. Dann würde Klage
eingereicht. Und dann könnte es sein, dass vom deutschen Schornsteinfegerwesen
gar nichts mehr übrig bleibt. „Der Europäische Gerichtshof wird das Kehrmonopol
wegfegen“. Sind sich Insider sicher.
Die
Schornsteinfegerzunft hingegen sieht keinen Grund zur Panik. Hans-Ulrich Gula,
Landesinnungsmeister in Baden-Württemberg, räumt zwar ein, dass Reformen nötig
seien. Zugleich aber hofft er darauf, dass sich Brüssel noch eine ganze Welle
vertrösten lässt, „Es gibt EU-Verfahren“, sagt er, „die laufen schon seit über
15 Jahren.“