Danach: "Das Schornsteinfeger-Syndrom" 2010 als Bestseller


"Ich glaube, dass Erfolg das Leben und den Charakter verdirbt."

Stefan Zweig


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Der neue Steinheger "Das Schornsteinfegersyndrom" ist ein Bestseller.
Ramina Schornauer hat Professor Steinheger für die Zeitschrift "Psychologie heute" interviewt.

Herr Professor Steinheger, Sie sind Psychoanalytiker und Verhaltensforscher. Was hat Sie an dem Phänomen Schornsteinfeger so fasziniert, dass Sie darüber ein Buch geschrieben haben?

In jeder menschlichen Gesellschaft bilden sich Massenphänomene und Ansichten, die sich mit gesundem Menschenverstand nicht erklären lassen. Schauen Sie, wer kann heute noch nachvollziehen, dass die Mehrzahl eines zivilisierten Volkes einst Hitler nachfolgte? Oder welcher junge Mann würde sich heute den Schnurrbart seines Staatsoberhauptes, wie es unter Wilhelm II gang und gäbe war, zulegen? Doch darüber ist schon mehr als genug geschrieben worden - nicht aber über das auf einer anderen Ebene liegende und ebenso wichtige Phänomen Schornsteinfeger.

Was ist denn das Besondere an den Schornsteinfegern gewesen?

Der Beruf des Schornsteinfegers ist in unserer Gesellschaft tief verwurzelt. Schornsteine wurden gekehrt, sobald man dem Rauch feste Bahnen zuwies, nämlich durch den Schornstein leitete. An dessen Wänden klebte der fette Ruß, der unter ungünstigen Windverhältnissen in Brand geriet und durch den natürlichen Auftrieb ins Freie gelangte. Dieser Funkenflug setzte die benachbarten strohgedeckten Häuser bei trockenem Wetter häufig in Brand.

Den Menschen war der Anblick der rußigen Männer - oft waren auch Kinder mit dabei - wohlvertraut. Sie galten als die Beschützer ihrer Behausung und genossen ein besonderes Ansehen. Das Image des Schornsteinfegers im Zylinderhut, mit Besen und Leiter, entdeckten beizeiten findige Geschäftsleute und vermarkteten es in Form von Schutzamuletten und einprägsamen bildlichen Darstellungen. Dieses Schornsteinfegerimage prägte sich im Laufe der Zeit bei den Menschen ebenso ein, wie das schutzgebietende Kindchenschema. Mythen haben lange Vorlaufzeiten.

Aber mit Mythen und Sagen hatte der Beruf des Schornsteinfegers doch nicht das Geringste zu tun.

Da muß ich Ihnen widersprechen! Wenn dem nicht so wäre gäbe es keine Kinderbücher über Schornsteinfeger. Obwohl das Bäcker- oder Schlachterhandwerk alte Berufe sind, finden Sie keine unterhaltenden Kinderbücher über Bäcker oder Schlachter.

Auf ihre Eingangsfrage zurückkommend: Warum schrieb ich das Buch? Schon als Kind erlebte ich den Schornsteinfeger, wie er mit rußgeschwärztem Gesicht unser Haus betrat. Bevor er ging, stellte er meiner Mutter einen Eimer voller Ruß vor die Füße, die ihm für seine Arbeit den Kehrlohn gab.

Als ich aber im eigenen Haus wohnte, sah das schon ganz anders aus. Der einstmals schwarze Mann trug zwar noch seine schwarze Kluft. Die aber war sauber und sein Schal war schneeweiß. Zweimal im Jahr kam er, einmal zum Messen und einmal zum Kehren. Beide Male verlangte er einen schönen Batzen Geld. Es war nicht mehr der Schornsteinfeger meiner Kindheit.

Fällt denn damit der Mythos nicht dem Vergessen anheim?

Mythen sind tief verwurzelt im kollektiven Gedächtnis, aber auch im individuellen Gedächtnis. Als ich mir einmal den Inhalt des Kehreimers ansah, kam mir der Eimer voller Ruß aus meiner Kindheit wieder in den Sinn. Jetzt lag auf dem Eimerboden nur ein bisschen grauer Dreck, für die sich die Mühe des Kehrens wahrlich nicht gelohnt hat. So rief ich mal eben beim Landratsamt an und erkundigte mich, ob man das Kaminkehren in meinem Hause nicht sein lassen könne. Der Beamte wollte mich nicht verstehen. Das jährliche Kehren kleiner Rußmengen sei ebenso notwendig wie das seinerzeitige vierteljährliche. Heute sei nicht mehr der Ruß die Gefahr, sondern die besonders gefährlichen Kaminverstopfungen durch Vogelnester und Wespennester und wer weiß an was nicht noch anderen Dingen. Da sei einmaliges Kehren im Jahr ein Minimum, angehenden Verstopfungen vorzubeugen. Ob ich mich schon mal mit der häuslichen Kohlenmonoxidvergiftung befasst hätte, wollte er noch wissen.

Ich konnte und wollte nicht kapieren, warum ein Vogel oder ein Wespenschwarm ausgerechnet in den zugigen Kamin ihre Nester bauen sollten. Der Mann redete von Statistiken. Ausnahmen könne man der Sicherheit halber bei niemanden zulassen. Er persönlich müsse dafür gerade stehen, wenn irgend etwas passsiere. Dann verriet er mir noch die Telefonnummer der Schornsteinfegerinnung, bei der ich mich über die tödlichen CO-Unfälle erkundigen könne. Diese organisierte Volksverdummung war mir schließlich zuviel.

Wie gingen Sie von da an mit Ihrem Schornsteinfeger um?

Zum Kaminkehren ließ ich ihn nicht mehr ins Haus. Nur die Abgase durfte er noch messen. Meine Weigerung brachte mir unerwarteten Ärger ins Haus. Der Schornsteinfeger brachte die Polizei mit und mein Kamin wurde unter Polizeischutz gekehrt. Außerdem war ein saftiges Bußgeld fällig.

Das war mir dann zuviel. Ich zog Erkundigungen über die Schornsteinfeger und ihr Betätigungsfeld zu allen Zeiten ein. Ich wollte wissen, warum ausgerechnet nur dieser überholte Beruf überleben konnte, während alle andern dem technischen Fortschritt zum Opfer fielen. Korbmacher und Seiler zeigen ihre Künste gelegentlich auf Volksfesten. Der Schornsteinfeger jedoch hat nicht nur überlebt, sondern er hat seine Bastion immer weiter ausgebaut. Warum schaffte gerade er es und kein anderer Beruf. Das wollte ich ergründen.

Welches Aha-Erlebnis gab es denn bei Ihren Recherchen?

Überraschungen gab es zuhauf. Mir wurde dabei plötzlich der Begriff Hausmacht bewußt. Die Schornsteinfeger sind Monopolisten. Ihr Beruf erhielt im 3.Reich seine bodenständige Grundlage.

Ähnlich dem Erbhof der ebenso verhätschelten Bauern wurde der feste Kehrbezirk eine sichere Domäne, oder besser gesagt, eine lebenslange Pfründe für deren Inhaber. Dieser mutierte über Nacht zu einem Quasibeamten mit relativ guter Dotierung. Er fungierte als beliehener Unternehmer, ohne dass unternehmerische Fähigkeiten von ihm gefordert wurden. Zu den Handwerkern zählte er sich ohnehin, zu den Beratern gesellte er sich später auch noch. Die Nazis setzten den Schornsteinfeger gar als Spitzel ein. Es ist erwiesen, dass die eingesetzten Kehrbezirksinhaber sich vornehmlich aus sogenannten 'Alten Kämpfern' rekrutierten. Das waren Hitler schon vor der "Machtergreifung" treu ergebene Nazis. Der Schornsteinfeger hatte der Feuersicherheit halber einen viermaligen jährlichen Zwangszutritt in jedes Haus. Vom hohen Dachfirst aus ließ sich auch noch der letzte Hinterhof inspizieren. Schöpfte er einen Verdacht systemschädlichen Tuns, trat die Gestapo in Aktion. Die Anschuldigungen eines Schornsteinfeger-Spitzeltums bis zum völligen Zerschlagen des Monopols sind behördlicherseits nicht dementiert worden.

Sie nennen diese Konstruktion in Ihrem Buch Chamäleonismus. Wäre die deutsche Bezeichnung "Berufskarriere" nicht treffender?

Gewiß, aber als Verhaltensforscher mache ich lieber Anleihen aus dem Tierreich. Auf der den Schornsteinfegern zugebilligten Plattform bot sich natürlich eine Menge an Entfaltungsmöglichkeiten an. Die Monopolisten schufen sich zunächst eine feste finanzielle Basis, indem sie eine regelmäßige Zwangsabgabe aller Pfründeninhaber einführten. Damit ließ sich ein Netz einflussreicher Lobbyisten bezahlen.

Die Holz- und Kohleöfen hatten mittlerweile ausgedient und wurden nach und nach durch Öl- und Gasheizkessel ersetzt. Da diese kaum noch Ruß hinterlassen, drohte ein "Kehraus". In den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurden jede Menge Umweltgesetze erlassen. Da gab es so manches zu kontrollieren. Die Lobbyisten der Schornsteinfeger rochen den Braten rechtzeitig und blieben stets am Ball. Ja, sie schafften es, dass der Gesetzgeber ihnen die Kontrolle der Abgasqualität aller Heizkessel, die sogenannte Emissionsmessung übertrug. Vom "Kehraus" war keine Rede mehr. Früher ist nur gekehrt worden - von da an wurde gekehrt und gemessen. Zwar wurde die Kehrhäufigkeit reduziert, aber der Kehrzwang blieb bis zur Deregulierung und damit der Zerschlagung des braunen Staatsmonopols bestehen. Zwischenzeitlich ist der Katalog der Schornsteinfegertätigkeiten noch beachtlich erweitert worden. Es führt zu weit, auch noch darauf einzugehen.

Welchen günstigen Umständen messen Sie diese stetige Expansion der Schornsteinfegertätigkeiten zu, wenn man von der straffen Organisation des Schornsteinfegerwesens und seinem zunehmenden Lobbyismus einmal absieht?

Es sind Mechanismen in Gang gesetzt worden, über die sich Freud und Jung schon ihre Gedanken gemacht haben. Da ist der weitverbreitete Volksaberglauben. Zudem ist jeder der staatlichen Entscheidungsträger als Kind schon Schornsteinfegern begegnet, sei es zuhause oder auf der Straße. Er sah sie auf dem Dachfirst balancieren. Er konnte beobachten, wie Leute den Schornsteinfeger berührten, um Glück zu erhaschen. Die schwarzen Männer machten auch immer einen freundlichen und arbeitsamen Eindruck. Sie hatten schon früh einen festen Platz in den Kinderherzen erobert.

Derartige Kindheitserfahrungen bleiben ein Leben lang unbewusst in einem haften. Das Resultat ist eine favorisierende Schonhaltung, gleich der Schutzbefohlenheit beim bereits erwähnten Kindchenschema. Ich möchte behaupten, dass bei den Schornsteinfegern beide Faktoren Aberglaube und Kindchenschema ihre Wirkung zeigten. Ich kann nicht mitreden, wenn behauptet wird, unaufgedeckte Korruption und Schmiergeldzahlungen wären der wirkliche Nährboden für die "Berufskarriere" der Schornsteinfeger gewesen. Ich bin Wissenschaftler und nicht Staatsanwalt oder Kriminalist.

Bedauern Sie, Herr Professor, die Auflösung dieses einst so erfolgreichen Monopols?

Ja und nein! Als einst Betroffener bin ich sehr zufrieden mit der Deregulierung und damit Aufhebung des Monopols. Als forschender Wissenschaftler fand ich im System Schornsteinfegerwesen ständig ein - zwar kostspieliges - Anschauungsbeispiel menschlichen Entfaltens unter für ihn günstigen Bedingungen. Für mich war das Schornsteinfeger eine Spielwiese in der Erforschung evolutionärer Verhaltensweisen. Dieses typisch deutsche System an maßlos übertriebenen Regelungen im Namen von Sicherheit und Umweltschutz hat übrigens noch genügend Potenz zu weiteren Mutationen und Besitzergreifungen besessen.

Die Geschichte des deutschen Schornsteinfegerwesens ist erfolgreiche Evolution im Zeitraffertempo. Als der Stärkere siegte es, denn es hatte sich rechtzeitig die günstigeren Voraussetzungen geschaffen. Es machte sich menschliche Schwächen von Entscheidungsbefugten zunutze. Es gelang ihm stets mit Ausdauer, Besitzstände zu ergattern und auszubauen, wie es ihm kein anderer nachmachte. Sein Geheimrezept war, mit Ministerialbeamten und Politikern eine geeignete Symbiose einzugehen.

Der Bogen wurde jedoch überspannt, so dass große Teile der Bevölkerung sich den kostspieligen Regelungsmechanismen widersetzten. Das wurde den Schornsteinfegern zum Verhängnis und führte zum Kollaps ihres Systems. Sicherheit und Umwelt blieben davon unbehelligt. Jeder gesellschaftliche Wandel resultiert aus einem Übermaß an Provokationen und anmaßenden Überheblichkeiten. Eine gewisse Toleranzschwelle steckt in jeder Gesellschaft. Wird diese aber überschritten, geht es schnell voran mit der Beseitigung der Ursachen. Die Ereignisse im Herbst 1989 haben es auch gezeigt. Die Schornsteinfeger und ihre behördlichen "Schutzengel" sind zu weit gegangen. Die erlangte "Befreiung" baute den angestauten Verdruss schnell wieder ab. Wahlforscher führen die in den ersten schornsteinfegerfreien Jahren wieder zunehmende Wahlbeteiligung nicht zuletzt auf die erfolgreiche Zerschlagung des Schornsteinfegerwesens zurück.

Herr Professor Steinheger, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche und höchst interessante Gespräch.

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