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Der neue Steinheger "Das
Schornsteinfegersyndrom" ist ein Bestseller. Herr Professor Steinheger, Sie sind
Psychoanalytiker und Verhaltensforscher. Was hat Sie an dem Phänomen
Schornsteinfeger so fasziniert, dass Sie darüber ein Buch geschrieben haben? In jeder menschlichen Gesellschaft bilden sich
Massenphänomene und Ansichten, die sich mit gesundem Menschenverstand nicht
erklären lassen. Schauen Sie, wer kann heute noch nachvollziehen, dass die
Mehrzahl eines zivilisierten Volkes einst Hitler nachfolgte? Oder welcher
junge Mann würde sich heute den Schnurrbart seines Staatsoberhauptes, wie es
unter Wilhelm II gang und gäbe war, zulegen? Doch darüber ist schon mehr als
genug geschrieben worden - nicht aber über das auf einer anderen Ebene
liegende und ebenso wichtige Phänomen Schornsteinfeger. Was ist denn das Besondere an den
Schornsteinfegern gewesen? Der Beruf des Schornsteinfegers ist in unserer
Gesellschaft tief verwurzelt. Schornsteine wurden gekehrt, sobald man dem
Rauch feste Bahnen zuwies, nämlich durch den Schornstein leitete. An dessen
Wänden klebte der fette Ruß, der unter ungünstigen Windverhältnissen in Brand
geriet und durch den natürlichen Auftrieb ins Freie gelangte. Dieser
Funkenflug setzte die benachbarten strohgedeckten Häuser bei trockenem Wetter
häufig in Brand. Den Menschen war der Anblick der rußigen Männer
- oft waren auch Kinder mit dabei - wohlvertraut. Sie galten als die
Beschützer ihrer Behausung und genossen ein besonderes Ansehen. Das Image des
Schornsteinfegers im Zylinderhut, mit Besen und Leiter, entdeckten beizeiten
findige Geschäftsleute und vermarkteten es in Form von Schutzamuletten und
einprägsamen bildlichen Darstellungen. Dieses Schornsteinfegerimage prägte
sich im Laufe der Zeit bei den Menschen ebenso ein, wie das schutzgebietende
Kindchenschema. Mythen haben lange Vorlaufzeiten. Aber mit Mythen und Sagen hatte der Beruf des
Schornsteinfegers doch nicht das Geringste zu tun. Da muß ich Ihnen widersprechen! Wenn dem nicht
so wäre gäbe es keine Kinderbücher über Schornsteinfeger. Obwohl das Bäcker-
oder Schlachterhandwerk alte Berufe sind, finden Sie keine unterhaltenden
Kinderbücher über Bäcker oder Schlachter. Auf ihre Eingangsfrage zurückkommend: Warum
schrieb ich das Buch? Schon als Kind erlebte ich den Schornsteinfeger, wie er
mit rußgeschwärztem Gesicht unser Haus betrat. Bevor er ging, stellte er
meiner Mutter einen Eimer voller Ruß vor die Füße, die ihm für seine Arbeit
den Kehrlohn gab. Als ich aber im eigenen Haus wohnte, sah das
schon ganz anders aus. Der einstmals schwarze Mann trug zwar noch seine
schwarze Kluft. Die aber war sauber und sein Schal war schneeweiß. Zweimal im
Jahr kam er, einmal zum Messen und einmal zum Kehren. Beide Male verlangte er
einen schönen Batzen Geld. Es war nicht mehr der Schornsteinfeger meiner
Kindheit. Fällt denn damit der Mythos nicht dem
Vergessen anheim? Mythen sind tief verwurzelt im kollektiven
Gedächtnis, aber auch im individuellen Gedächtnis. Als ich mir einmal den
Inhalt des Kehreimers ansah, kam mir der Eimer voller Ruß aus meiner Kindheit
wieder in den Sinn. Jetzt lag auf dem Eimerboden nur ein bisschen grauer
Dreck, für die sich die Mühe des Kehrens wahrlich nicht gelohnt hat. So rief
ich mal eben beim Landratsamt an und erkundigte mich, ob man das Kaminkehren
in meinem Hause nicht sein lassen könne. Der Beamte wollte mich nicht
verstehen. Das jährliche Kehren kleiner Rußmengen sei ebenso notwendig wie
das seinerzeitige vierteljährliche. Heute sei nicht mehr der Ruß die Gefahr,
sondern die besonders gefährlichen Kaminverstopfungen durch Vogelnester und
Wespennester und wer weiß an was nicht noch anderen Dingen. Da sei einmaliges
Kehren im Jahr ein Minimum, angehenden Verstopfungen vorzubeugen. Ob ich mich
schon mal mit der häuslichen Kohlenmonoxidvergiftung befasst hätte, wollte er
noch wissen. Ich konnte und wollte nicht kapieren, warum ein
Vogel oder ein Wespenschwarm ausgerechnet in den zugigen Kamin ihre Nester
bauen sollten. Der Mann redete von Statistiken. Ausnahmen könne man der
Sicherheit halber bei niemanden zulassen. Er persönlich müsse dafür gerade
stehen, wenn irgend etwas passsiere. Dann verriet er mir noch die
Telefonnummer der Schornsteinfegerinnung, bei der ich mich über die tödlichen
CO-Unfälle erkundigen könne. Diese organisierte Volksverdummung war mir
schließlich zuviel. Wie gingen Sie von da an mit Ihrem
Schornsteinfeger um? Zum Kaminkehren ließ ich ihn nicht mehr ins
Haus. Nur die Abgase durfte er noch messen. Meine Weigerung brachte mir
unerwarteten Ärger ins Haus. Der Schornsteinfeger brachte die Polizei mit und
mein Kamin wurde unter Polizeischutz gekehrt. Außerdem war ein saftiges
Bußgeld fällig. Das war mir dann zuviel. Ich zog Erkundigungen
über die Schornsteinfeger und ihr Betätigungsfeld zu allen Zeiten ein. Ich
wollte wissen, warum ausgerechnet nur dieser überholte Beruf überleben
konnte, während alle andern dem technischen Fortschritt zum Opfer fielen.
Korbmacher und Seiler zeigen ihre Künste gelegentlich auf Volksfesten. Der
Schornsteinfeger jedoch hat nicht nur überlebt, sondern er hat seine Bastion
immer weiter ausgebaut. Warum schaffte gerade er es und kein anderer Beruf.
Das wollte ich ergründen. Welches Aha-Erlebnis gab es denn bei Ihren
Recherchen? Überraschungen gab es zuhauf. Mir wurde dabei
plötzlich der Begriff Hausmacht bewußt. Die Schornsteinfeger sind
Monopolisten. Ihr Beruf erhielt im 3.Reich seine bodenständige Grundlage. Ähnlich dem Erbhof der ebenso verhätschelten
Bauern wurde der feste Kehrbezirk eine sichere Domäne, oder besser gesagt,
eine lebenslange Pfründe für deren Inhaber. Dieser mutierte über Nacht zu
einem Quasibeamten mit relativ guter Dotierung. Er fungierte als beliehener
Unternehmer, ohne dass unternehmerische Fähigkeiten von ihm gefordert wurden.
Zu den Handwerkern zählte er sich ohnehin, zu den Beratern gesellte er sich
später auch noch. Die Nazis setzten den Schornsteinfeger gar als Spitzel ein.
Es ist erwiesen, dass die eingesetzten Kehrbezirksinhaber sich vornehmlich
aus sogenannten 'Alten Kämpfern' rekrutierten. Das waren Hitler schon vor der
"Machtergreifung" treu ergebene Nazis. Der Schornsteinfeger hatte
der Feuersicherheit halber einen viermaligen jährlichen Zwangszutritt in
jedes Haus. Vom hohen Dachfirst aus ließ sich auch noch der letzte Hinterhof
inspizieren. Schöpfte er einen Verdacht systemschädlichen Tuns, trat die
Gestapo in Aktion. Die Anschuldigungen eines Schornsteinfeger-Spitzeltums bis
zum völligen Zerschlagen des Monopols sind behördlicherseits nicht dementiert
worden. Sie nennen diese Konstruktion in Ihrem Buch
Chamäleonismus. Wäre die deutsche Bezeichnung "Berufskarriere"
nicht treffender? Gewiß, aber als Verhaltensforscher mache ich
lieber Anleihen aus dem Tierreich. Auf der den Schornsteinfegern
zugebilligten Plattform bot sich natürlich eine Menge an
Entfaltungsmöglichkeiten an. Die Monopolisten schufen sich zunächst eine
feste finanzielle Basis, indem sie eine regelmäßige Zwangsabgabe aller
Pfründeninhaber einführten. Damit ließ sich ein Netz einflussreicher
Lobbyisten bezahlen. Die Holz- und Kohleöfen hatten mittlerweile
ausgedient und wurden nach und nach durch Öl- und Gasheizkessel ersetzt. Da
diese kaum noch Ruß hinterlassen, drohte ein "Kehraus". In den
Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurden jede Menge Umweltgesetze
erlassen. Da gab es so manches zu kontrollieren. Die Lobbyisten der
Schornsteinfeger rochen den Braten rechtzeitig und blieben stets am Ball. Ja,
sie schafften es, dass der Gesetzgeber ihnen die Kontrolle der Abgasqualität
aller Heizkessel, die sogenannte Emissionsmessung übertrug. Vom
"Kehraus" war keine Rede mehr. Früher ist nur gekehrt worden - von
da an wurde gekehrt und gemessen. Zwar wurde die Kehrhäufigkeit reduziert,
aber der Kehrzwang blieb bis zur Deregulierung und damit der Zerschlagung des
braunen Staatsmonopols bestehen. Zwischenzeitlich ist der Katalog der
Schornsteinfegertätigkeiten noch beachtlich erweitert worden. Es führt zu
weit, auch noch darauf einzugehen. Welchen günstigen Umständen messen Sie diese
stetige Expansion der Schornsteinfegertätigkeiten zu, wenn man von der
straffen Organisation des Schornsteinfegerwesens und seinem zunehmenden
Lobbyismus einmal absieht? Es sind Mechanismen in Gang gesetzt worden, über
die sich Freud und Jung schon ihre Gedanken gemacht haben. Da ist der
weitverbreitete Volksaberglauben. Zudem ist jeder der staatlichen
Entscheidungsträger als Kind schon Schornsteinfegern begegnet, sei es zuhause
oder auf der Straße. Er sah sie auf dem Dachfirst balancieren. Er konnte
beobachten, wie Leute den Schornsteinfeger berührten, um Glück zu erhaschen.
Die schwarzen Männer machten auch immer einen freundlichen und arbeitsamen
Eindruck. Sie hatten schon früh einen festen Platz in den Kinderherzen
erobert. Derartige Kindheitserfahrungen bleiben ein Leben
lang unbewusst in einem haften. Das Resultat ist eine favorisierende
Schonhaltung, gleich der Schutzbefohlenheit beim bereits erwähnten
Kindchenschema. Ich möchte behaupten, dass bei den Schornsteinfegern beide Faktoren
Aberglaube und Kindchenschema ihre Wirkung zeigten. Ich kann nicht mitreden,
wenn behauptet wird, unaufgedeckte Korruption und Schmiergeldzahlungen wären
der wirkliche Nährboden für die "Berufskarriere" der
Schornsteinfeger gewesen. Ich bin Wissenschaftler und nicht Staatsanwalt oder
Kriminalist. Bedauern Sie, Herr Professor, die Auflösung
dieses einst so erfolgreichen Monopols? Ja und nein! Als einst Betroffener bin ich sehr
zufrieden mit der Deregulierung und damit Aufhebung des Monopols. Als forschender
Wissenschaftler fand ich im System Schornsteinfegerwesen ständig ein - zwar
kostspieliges - Anschauungsbeispiel menschlichen Entfaltens unter für ihn
günstigen Bedingungen. Für mich war das Schornsteinfeger eine Spielwiese in
der Erforschung evolutionärer Verhaltensweisen. Dieses typisch deutsche
System an maßlos übertriebenen Regelungen im Namen von Sicherheit und
Umweltschutz hat übrigens noch genügend Potenz zu weiteren Mutationen und
Besitzergreifungen besessen. Die Geschichte des deutschen Schornsteinfegerwesens
ist erfolgreiche Evolution im Zeitraffertempo. Als der Stärkere siegte es,
denn es hatte sich rechtzeitig die günstigeren Voraussetzungen geschaffen. Es
machte sich menschliche Schwächen von Entscheidungsbefugten zunutze. Es
gelang ihm stets mit Ausdauer, Besitzstände zu ergattern und auszubauen, wie
es ihm kein anderer nachmachte. Sein Geheimrezept war, mit Ministerialbeamten
und Politikern eine geeignete Symbiose einzugehen. Der Bogen wurde jedoch überspannt, so dass große
Teile der Bevölkerung sich den kostspieligen Regelungsmechanismen
widersetzten. Das wurde den Schornsteinfegern zum Verhängnis und führte zum
Kollaps ihres Systems. Sicherheit und Umwelt blieben davon unbehelligt. Jeder
gesellschaftliche Wandel resultiert aus einem Übermaß an Provokationen und
anmaßenden Überheblichkeiten. Eine gewisse Toleranzschwelle steckt in jeder
Gesellschaft. Wird diese aber überschritten, geht es schnell voran mit der
Beseitigung der Ursachen. Die Ereignisse im Herbst 1989 haben es auch gezeigt.
Die Schornsteinfeger und ihre behördlichen "Schutzengel" sind zu
weit gegangen. Die erlangte "Befreiung" baute den angestauten
Verdruss schnell wieder ab. Wahlforscher führen die in den ersten
schornsteinfegerfreien Jahren wieder zunehmende Wahlbeteiligung nicht zuletzt
auf die erfolgreiche Zerschlagung des Schornsteinfegerwesens zurück. Herr Professor Steinheger, ich danke Ihnen
für das aufschlussreiche und höchst interessante Gespräch. |
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