Der Schornsteinfeger als Symbolfigur.
Autor: Dr. Dr. Horst Poller
Es gibt Gestalten im Leben, die einen hohen
Symbolwert haben. Zum Beispiel der Schornsteinfeger. Wenn wir als Kinder einen
Schlotfeger sahen, in schwarzer Kluft, mit Zylinder, Leiter und Besen, dann
wurde uns erklärt: „Der bringt Glück!“ Mit den Augen des Erwachsenen sieht man
das allerdings etwas anders. Ein Glücksbringer ist er geblieben, der
Schlotfeger. Aber nicht für andere, sondern vor allem für sich selbst. Sein
Symbolwert ist immens gestiegen, hat sich allerdings auch etwas von der ursprünglichen
Richtung entfernt.
Symbol für nutzlose Beschäftigung
Heute ist der Schornsteinfeger vor allem ein
Symbol für nutzlose Beschäftigung. Er kehrt saubere Kamine, führt Messungen doppelt
aus, die vorher bereits gemacht wurden, überprüft Heizungen, die gerade erst
justiert und besichtigt Feuerstätten, die längst für gut befunden wurden, und
das alles möglichst oft. Außerdem erheben die Kaminfeger jährlich 180 Millionen
Daten, die großenteils überflüssig sind, eine ganz besondere Art von Wertschöpfung.
Mag der größte Teil der schlotfegerlichen
Tätigkeit auch nutzlos erscheinen, unsere wackeren Kaminkehrer haben es
trotzdem geschafft, sich in die Weltspitze hochzuarbeiten. In Deutschland gibt
es zehnmal so viel Schornsteinfeger wie in den ganzen Vereinigten Staaten von
Amerika! Schornsteinfegerbetriebe je 1 Million Einwohner gibt es in den USA 3,
ebenso wie in Frankreich, Großbritannien oder Holland, in Deutschland jedoch
97. Das macht uns so leicht keiner nach!
Und die Schornsteinfeger sind weitsichtig. Sie
peilen längst weitere nutzlose Beschäftigungen an. Es wird nicht mehr lange dauern, dann kommen sie
auch noch als staatlich verordnete Energiesparberater ins Haus und
kontrollieren die Wohnraumbelüftung. Das können sie selbstverständlich nicht
machen, wenn sie ohnehin im Haus sind, sondern dazu wird dann sicherlich ein
zusätzlicher Hausbesuch erforderlich sein. Schornsteinfeger sind schließlich
kostenbewusst.
Das Kostenbewusstsein ist bei den
Schornsteinfegern besonders ausgeprägt. Deshalb kommen sie auch jetzt schon
viel öfter ins Haus, als eigentlich notwendig wäre. Sie handeln ganz rational
nach der Devise: je mehr Kosten desto mehr Umsatz. Den Umsatz machen sie und
die Kosten tragen Hausbesitzer und Mieter.
Außerdem sind die Schlotfeger lernfähig.
Besonders von den Gewerkschaften scheinen sie viel gelernt zu haben. Wie diese
sind sie Meister in der Besitzstandswahrung. Als in England die Dampfloks durch
Elektrische Lokomotiven ersetzt wurden, bestand die Gewerkschaft darauf, dass
trotzdem ein Heizer mitfuhr. Der Heizer auf der E-Lok hatte natürlich nichts zu
tun, er war so überflüssig wie ein Schornsteinfeger. Aber es ging eben ums
Prinzip, wie bei den Schlotfegern.
Symbol für Monopolisten
Wie haben sie das alles schaffen können? Die
Grundlage für ihr umfangreiches Wirken ist das Bundesgesetz über das Schornsteinfegerwesen,
das bestimmt, dass Kehr- und Überprüfungsarbeiten nur von den
Bezirksschornsteinfegermeistern ausgeführt werden dürfen. Es ernennt also die
Schornsteinfeger zu Monopolisten.
Seit die Wirtschaftspolitik erkannt hat, dass
die Verhinderung des Wettbewerbs durch Monopole und Kartelle die Kosten und
Preise für den Verbraucher in die Höhe treibt und zum Machtmissbrauch
einlädt, war man durch eine entsprechende
Kartellgesetzgebung bemüht, den Wettbewerb zu schützen. Nur in ganz wenigen
Fällen sind Kartelle und Monopole noch erlaubt.
Die bekanntesten Ausnahmen sind das Tarifkartell
und das Schornsteinfegermonopol. Das erklärt auch, warum die Schornsteinfeger
auf ihren Berufsstand so stolz sind,
sie sind sozusagen die letzten Monopolisten, die es hierzulande noch
gibt. Da kann man es auch verstehen, wenn sie sich ihrer privilegierte Sonderstellung
bewusst sind und den Hausbesitzer gelegentlich die „Arroganz der Macht“ spüren
lassen.
Das Tarifkartell zum Beispiel funktioniert so,
dass es allen, die drin sind, also den Arbeitsplatzbesitzern, gut geht auf Kosten
derer, die draußen sind, also der Arbeitslosen. Lieber mehr Arbeitslose als
Verzicht auf Tarifforderungen, war seit vielen Jahren die Losung.
Beim Schlotfegermonopol ist es ähnlich. Die, die
drin sind, denen geht es gut und die, die draußen sind, in diesem Fall die
Hausbesitzer und Mieter, zahlen die Zeche. Und wer die Zeche nicht rechtzeitig
zahlt, bei dem wird sie von der Ordnungsbehörde „beigetrieben“. Der
Schornsteinfegermonopolist hat noch nicht einmal Ärger mit den Außenständen,
wie das bei anderen Handwerkern der Fall ist.
Auch sonst wissen die Schlotfeger offenbar ihre
Monopolstellung zu nutzen. Vollautomatische Abgasüberwachungsanlagen, wie man
sie in anderen Ländern kennt, sind bei uns erst gar nicht eingeführt worden.
Und jeder Hersteller von Feuerungsanlagen ist natürlich darauf bedacht, Ärger
mit den Überwachungs-Monopolisten zu vermeiden, das ist verständlich.
Im übrigen soll es immer noch Hausbesitzer
geben, die von der irrigen Annahme ausgehen, sie seien Kunden des Schornsteinfegers.
Damit liegen sie natürlich ganz schief. Der Schornsteinfeger lebt zwar von
ihnen , so wie auch der Finanzbeamte vom Steuerzahler lebt. Aber man darf nicht
erwarten, dass sich das irgendwie auf sein Verhalten auswirkt. Ein
Schornsteinfeger, steht im öffentlichen Dienst und ist damit sozusagen ein
Hoheitsträger. So steht es im Gesetz. Deshalb vereinbart er auch nicht mit
Ihnen einen Termin, sondern er teilt Ihnen mit, an welchem Tag sie sich
bereitzuhalten haben.
Und dann gibt es noch Hausbesitzer, die so naiv
sind zu glauben, man könnte das Schlotfeger-Monopolgesetz einfach abschaffen.
Aber ein Gesetz abzuschaffen ist in Deutschland höchst unwahrscheinlich,
irgendwie wäre es ja auch widersinnig, wo wir doch im Eiltempo laufend neue
produzieren.
Es könnte allerdings sein, dass in Brüssel ein
Kommissar auf die Idee kommt, das deutsche Schornsteinfegermonopol abschaffen
zu wollen, damit auch ein französischer Kaminfeger im Saarland tätig werden
kann. Aber auch das halte ich für unwahrscheinlich. Ich vermute, dass
Außenminister Fischer deshalb neuerdings so oft vom Europa der zwei Geschwindigkeiten spricht. Andere Länder
könnten die Schornsteinfeger geschwind abschaffen und wir schalten dafür noch
einen Gang zurück.
Symbol für Lobbyisten
Im übrigen haben es sich die Schornsteinfeger ja
nicht leicht gemacht, sie haben sich nicht nur auf das Monopolgesetz verlassen,
sondern sie haben auch hervorragende Lobby-Arbeit geleistet, sie sind zum
Symbol für eine erfolgreiche Lobby geworden.
Das beste Beispiel für die gute
Öffentlichkeitsarbeit der Schlotfeger ist Wirtschaftsminister Dr. Döring. Im
Dezember 2000 versicherte der Minister den Schornsteinfegern in einer
flammenden Rede, dass sie wesentlichen Einfluss auf die Rechtsvorschriften hätten, die in seinem Ministerium
entworfen werden, dass das Wirtschaftsministerium versucht, ihnen ein
verlässlicher Partner zu sein und dass er als Wirtschaftsminister zu ihrem
Handwerk steht. Wen wundert es da, dass der Wirtschaftsminister wenig später
zum Ehrenschornsteinfeger ernannt wurde! Das war ohnehin längst fällig, denn zwischen
dem Wirtschaftministerium als Aufsichtsbehörde und den Schornsteinfegern besteht
seit vielen Jahren eine innige Zusammenarbeit.
Man sieht das an der Prozedur der
Gebührenfestsetzung. Die Tätigkeit der Schornsteinfeger – Monopolisten hat ja
keinen Marktpreis. Das ist verständlich, denn am freien Markt wäre sie praktisch
unverkäuflich. Deshalb müssen Gebühren festgesetzt werden. Die Gebühren rechnen
sich die Schornsteinfeger selbst aus und die Beamten der Aufsichtsbehörde
genehmigen sie. Und der Minister versichert, dass er zu ihrem Handwerk steht
(siehe oben), schließlich ist er ja Ehrenschornsteinfegermeister.
Auch das Kostenbewusstsein der Schornsteinfeger
wird vom Ministerium ausdrücklich gestärkt. Als Laien meinen die Hausbesitzer
natürlich, die Kosten müssten sinken, wenn sie statt zweimal nur einmal zahlen
müssten, nämlich nur für die Wartung
der Heizanlage und nicht auch noch für das Nachgucken durch den Schlotfeger.
Das Wirtschaftsministerium hingegen ist überzeugt, dass bei einer
Liberalisierung des Schornsteinfegerwesens alles noch teuerer wird. Da wird
sich vor allem unser Herr Ministerpräsident wundern. Der hat auch
geglaubt, es würden Kosten eingespart,
wenn es mehr Wettbewerb gibt. Aber das Wirtschaftsministerium weiß das besser.
Das Wirtschaftsministerium weiß schließlich, was
es an den Schornsteinfegern hat. Wenn ich die einschlägigen Hinweise des Ministeriums
richtig verstehe, gibt es mindestens zwei Qualitätsstufen im Handwerk. Zur
unteren Kategorie gehören die Heizungsbauer. Sie können die Heizung nur
einrichten. Hingegen gehören die Schlotfeger zu einer deutlich höheren
Qualitätsstufe, weil sie auch die Messinstrumente ablesen können. Das kann man
als Hausbesitzer natürlich nicht wissen.
Symbol
für Law and Order
Die Allianz mit der Staatsbürokratie hat den
Symbolwert der Kaminfeger weiter erhöht. Der Staat hat die Aufgabe, für die
Einhaltung der bestehenden Gesetze zu sorgen und die Schlotfeger verhelfen ihm
dazu, dass er das gelegentlich auch eindrucksvoll demonstrieren kann. So sind
die Schlotfeger auch zu einem Symbol
für Recht und Ordnung geworden.
Wenn zum Beispiel ein Hausbesitzer mit der
fadenscheinigen Begründung, das Abgasrohr sei sauber, dem Schornsteinfeger den
Zutritt zu seinem Haus verwehrt, dann ist es durchaus möglich, dass der Staat
mit einem Rollkommando aus Polizisten und Beamten den Schornsteinfegern den
Zutritt erzwingt. Oder er verhängt hohe Geldsbußen, natürlich streng nach dem
Grundsatz der Verhältnismäßigkeit, d. h. die Geldstrafen sind verhältnismäßig
hoch.
Eigentlich kann einem der Staat in dieser Rolle
nur leid tun. Die Schlotfeger haben ihn da in eine Zwickmühle getrieben. Macht
er nichts, verstößt er gegen das Prinzip. Setzt er das Schornsteinfegermonopol
mit Gewalt durch, verteidigt er ein Gesetz, das der Bürger nicht mehr versteht,
sodass das alles nach Beamtenwillkür aussieht.
Andererseits muss man mit dem Staat in dieser
Hinsicht nicht zu viel Mitleid haben. Der Gesetzgeber hat sich das selber eingebrockt,
weil er ein Gesetz verteidigt, das nicht mehr zeitgemäß ist und das er längst
hätte abschaffen sollen. Solche Sachen passieren dem Staat leider öfter. Denken
Sie nur an die Schwarzarbeit, da belegt der Staat arbeitswillige Menschen, die
für sich selber sorgen wollen, mit drastischen Strafen. Doch die Schwarzarbeit
ist heute nur deshalb der größte Wachstumsmarkt, weil es der Staat zugelassen
hat dass die Steuern zu hoch sind und der Arbeitsmarkt überreguliert ist. Der
Staat kriminalisiert und bestraft also Bürger wegen seiner eigenen Unterlassungssünden.
Symbol für den Reformstau
Nun könnte man natürlich sagen, haben die Leute,
die sich mit dem Schlotfeger-Problem befassen, denn nichts Besseres zu tun? Das
sind doch Bagatellen mit läppischen 100 Euro Gebühren im Jahr. Dabei haben wir
doch ganz andere Probleme heutzutage: die Reform der sozialen
Sicherungssysteme, die Reform des Arbeitsmarktes, die große Steuerreform.
Aber genau das ist der Punkt, denn das alles
hängt zusammen. Nehmen wir nur die große Steuerreform. Seit etwa 30 Jahren wird
darüber diskutiert, man weiß genau was sein sollte, aber es geschieht nichts.
Vielleicht kommt die Reform aber jetzt, wo es uns immer schlechter geht, doch
langsam in Gang. Genauso ist es mit dem Schlotfeger(un)wesen. Der Ärger muss
erst einen gewissen Punkt erreicht haben, bis die Politik langsam reagiert.
Wer die Schlotfeger und einen guten Teil der
Beamten, die sie beaufsichtigen, für überflüssig hält, muss natürlich auch die
Folgen bedenken. Es geht um Arbeitsplätze! Wer am Schornsteinfeger-Monopol rüttelt, setzt Arbeitsplätze aufs Spiel!
Ist uns etwa damit gedient, wenn überflüssige Schlotfeger und Beamte das Heer
der Arbeitslosen noch vergrößern? Diese Frage sollte man nicht auf die leichte
Schulter nehmen, sie ist so alt wie die freie Marktwirtschaft und sie rührt an
die Grundlagen des Wirtschafts-Verständnisses. Um sich nicht blenden zu lassen,
von diesem Totschlag-Argument, muss man allerdings ein wenig nachdenken und das
scheint mitunter schwierig zu sein, auch für Wirtschaftsminister.
Nehmen wir an, die Hausbesitzer müssten die ca.
1,2 Milliarden Euro, die sie heute jährlich für überflüssige
Schornsteinfegerarbeiten aufwenden, nicht ausgeben. Dann hätten sie und ihre
Mieter mehr Geld. Das würden sie allerdings wahrscheinlich auch ausgeben, aber
für ganz andere Dienstleistungen und Produkte. Dementsprechend entstünden durch
den Mehrumsatz von 1,2 Milliarden in anderen Branchen neue Arbeitsplätze und
zwar nicht nur mehr, sondern vor allem produktivere als in der um die Schlotfeger
erweiterten Staatsbürokratie.
Anders und etwas allgemeiner ausgedrückt: Wer
unproduktive, überflüssige Arbeitsplätze auf Kosten des Steuerzahlers
finanziert, verhindert gleichzeitig, dass an anderer Stelle mehr und bessere
Arbeitsplätze entstehen können und schadet damit der Volkswirtschaft insgesamt.
Dahinter steht der alte sozialistische Irrglaube, dass Beamte, die meinen die
Wirtschaft steuern zu müssen, gescheiter sind als die Millionen von Konsumenten,
die in einer freien Marktwirtschaft täglich ihre Entscheidungen treffen.
Und das genau ist seit vielen Jahren unser
Problem. Statt mehr Markt zu schaffen und den Staat zurückzudrängen, lassen wir
den Staat und die Gruppeninteressen immer weiter ausufern und wundern uns
heute, dass wir überall das Schlusslicht sind, obwohl wir früher doch einmal
wirklich gut waren. So langsam wächst die Erkenntnis, dass die Reformen, die
sich seit vielen Jahren angestaut haben, ernsthaft in Angriff genommen werden sollten. Aber noch wird nur geredet,
außer ein paar winzigen Schritten in die richtige Richtung ist bisher nichts
geschehen.
Unterschätzen wir also das Schlotfegerproblem
und seinen Symbolwert nicht. Die Schornsteinfeger sind heute ein leuchtendes Symbol
für den Reformstau.
Mit Genehmigung von Haus & Grund Württemberg Special '04