Leben nicht zum Zuge kommende potentielle Nazirichter unter uns?
Beim Studium der Geschichte des 3. Reiches stellte ich mir oft die
Frage, wie es möglich sein konnte, daß Juristen bereit waren, dem System
vorbehaltlos als Erfüllungsgehilfen zu dienen. Das schloß die Durchsetzung der
teuflischen Maßnahmen des Nationalsozialismus mit ein. Unter diesen Vorzeichen
lieferten sie unbequeme Systemgegner rigoros ans Messer. Erst als ich vom
Milgram-Experiment (im Anhang) erfuhr, konnte ich es verstehen. Bedingungsloser
Gehorsam gegenüber Autoritäten gibt den notwendigen Antrieb zum Handeln gegen
die eigene Überzeugung. Damals galt die Parole "Führer befiehl - wir
folgen dir!".
Beim Umgang mit den Aufsichtsbehörden der Schornsteinfeger kam mir
zunächst das Milgram-Experiment in den Sinn. Doch gibt es einen Unterschied
zwischen damals und heute. Die heutigen Autoritäten dürften nicht in der Lage
sein, den notwendigen Antrieb zu liefern, um harte Zwangsmaßnahmen gegen die
eigene Überzeugung durchzusetzen. Anstelle der Autoritäten ist das
Karrieredenken getreten. Wer auf seinem Posten nicht spurt, dem droht der
Karriereknick.
Gnadenlos fällten die Nazirichter Todesurteile gegen das eigene
Gewissen. Ebenso gnadenlos werden heute hohe Zwangsgelder zur Durchsetzung
sinnwidriger Verrichtungen verordnet. Das politische Umfeld bestimmt das
jeweilige Straßmaß!
Treffe ich gelegentlich einen alten Bekannten, ist das
Schornsteinfegerproblem bald das Gesprächsthema. Kein Wunder, denn es stand in
der Zeitung, daß ich mich vehement sinnlosem Kaminkehren erwehre. Meine Frage
an den Bekannten, ob er es für möglich hielte, daß der auf mich angesetzte
Beamte auch die Todesstrafe verhängen würde, falls es in seiner Macht stünde,
wird zumeist bejaht. Die mich verblüffende Begründung lautet in etwa so: Wer
wegen einer Lappalie jemand so rabiat abstraft, der hat keinerlei Hemmungen,
ihn auch ans Messer zu liefern, wenn er dürfte. Recht hat er: Denn die
Nazirichter fällten bei Delikten, die nach heutigen Maßstäben Lappalien sind,
auch ihre Todesurteile. Nur war damals die Rangordnung der Gesetze eine andere.
Das gibt mir zu denken. Denn ich weiß, daß nach Kriegsende auch
die Beisitzer der Volksgerichtshöfe verurteilt worden sind. Wieviele
potentielle Richter und Beisitzer wachsen in unserer Gesellschaft heran und
leben unter uns? Viele legten ihren Diensteid auf die Verfassung ab. Man
braucht sie nur zu rufen, und sie treten in Aktion.
Die hier dargelegten Betrachtungen werden von all denen übersehen,
die persönlich nicht betroffen sind. Wenn sie sich, wie die allermeisten
Zeitgenossen an die altbewährte Devise halten "Lege lieber die Ohren an
und du hast deine Ruhe", werden sie im Schongang behandelt. Die geringe
Zahl der Aufbegehrenden trifft es dagegen um so härter. Rigorose behördliche
Schikanen bekommen sie zu spüren. Diese Querulanten gelten in den Ämtern als
unbequeme Störfaktoren, die den geruhsamen Büroalltag sprengen und aus den
Fugen geraten lassen. Warum müssen die sich auch der gegebenen Ordnung
widersetzen, wenn doch bisher alles so gut gelaufen ist?
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Das
Milgram-Experiment - ein Versuch über den Gehorsam
Ein landläufiges Vorurteil besagt, daß alle Menschen potentielle Mörder seien.
An der Universität von New York wurde zu Beginn der 60er Jahre ein Experiment
durchgeführt, das die Beziehung zwischen Autorität, Gehorsam und Aggression
klären sollte. Dieses "Milgram Experiment" benannt nach seinem
Erfinder Professor Stanley Milgram brachte ganz normale Menschen in die
Situation von Folterern.
Der Versuch lief so ab: Die Versuchsperson wurde aufgefordert, den Lernprozeß
eines anderen Menschen zu fördern, indem sie mit Hilfe einer Taste immer dann
Stromstöße auslöst, wenn der andere einen Fehler macht. Dabei werden die
Stromstöße gesteigert, bis sie schließlich eine tödliche Stärke erreichen.
Natürlich verletzten die Stromstöße nicht wirklich ihr Opfer, doch
Schmerzensschreie vom Tonband ließen das Experiment für die Versuchspersonen
ganz real erscheinen. Das bedeutet: Die Testpersonen mußten glauben, daß sie
anderen Menschen Schmerzen bereiteten oder sie sogar töteten. Zu Beginn wurden
sie über die Wichtigkeit des Versuchs für die Wissenschaft informiert. Während
des Experiments war meist ein Wissenschaftler anwesend, der die
Versuchspersonen dazu ermutigte oder drängte, den Stromstoß auszulösen.
Man möchte sich wünschen, daß Menschen bereits die Teilnahme an diesem
Experiment verweigern würden. Einige taten das auch, doch es fanden sich
trotzdem genügend Testpersonen. Man möchte sich auch wünschen, daß die
Teilnehmer nun wenigstens irgendwann den Druck auf die Taste verweigert hätten.
Doch das Ergebnis war niederschmetternd: In den USA ließen sich 48 bis 65
Prozent der Versuchspersonen bis zum tödlichen Stromstoß bringen. Als im Jahre
1971 in der Bundesrepublik der Versuch wiederholt wurde, waren es sogar 86
Prozent. Doch es gibt wenigstens ein ermutigendes zweites Ergebnis. Wenn keine Autoritätsperson,
also kein Wissenschaftler anwesend war, sank die Zahl derer, die bereit waren
den Todesstoß auszulösen auf drei Prozent. Wirklich ermutigend aber ist auch
dieses Ergebnis nicht, denn es zeigt, daß die Bereitschaft zu unbedingtem
Gehorsam tief in der Mehrzahl der Menschen verwurzelt ist.
Auszug aus dem Taschenbuch von Barbara Veith u. Hans-Otto Wiebus:
"Hass macht die Erde kalt."
(16.12.04)