Beutedeutsche


Zur Homepage >>>


 

Der folgende Text erschien 1996 als Leserbrief in der FAZ. Auf verschlungenen Wegen fiel er um 2002 den Schornsteinfegern in die Hände. Seitdem werde ich mit den gröbsten Anschuldigungen seitens der Schornsteinfeger diffamiert. Das geht soweit, daß ich der Teilhabe am Holocaust beschuldigt werde. Existentielle Drohungen gegen mich und meine Familie erscheinen in gewissen Zeitabständen durch Einträge in mein Gästebuch, sogar ein handgeschriebener Brief aus Tel Aviv traf per Post ein.

In der Waffen-SS viele "Beute-Deutsche"

Dem Leserbrief des Ulrich de Maiziere: "Das Reservoir der Waffen-SS" in der Sache Prof. Dr. Krelle (F.A.Z. vom 22.2.96) möchte ich als Betroffener aus den unteren Chargen eine Präzisierung hinzufügen, wenn diese auch nur bruchstückhaft sein kann:

Im Sommer 1944 nahm ich als junger Angehöriger der Luftwaffe an einem Lehrgang an der Fliegertechnischen Schule Detmold teil. Kurz vor dem Abschluß, am 17.September, sind alle Teilnehmer unseres und auch anderer Kurse innerhalb weniger Stunden ohne Vorankündigung mit unbekanntem Ziel in Marsch gesetzt worden. Weitere Leidensgenossen aus Dessau und anderenorts stiegen unterwegs zu. Am übernächsten Tag begrüßten uns in Westpreußen Offiziere der SS-Panzerdivision Totenkopf. Nach einem kurzen Intermezzo äußerst harten militärischen Drills, und einer weiteren Bahnfahrt bis kurz vor Warschau, absolvierten wir einen Schnellkurs in Fernmeldetechnik, um darauf auf die dezimierten Einheiten der Division aufgeteilt zu werden.

Mein Glück im Unglück war, daß ich bei der Funkmeisterei eines Artillerie-Regiments gebraucht wurde, einer kleinen Gruppe innerhalb der Versorgungsabteilung, zu der auch die Küche gehörte. Unsere Aufgabe war die Wartung und Instandsetzung der bei der Artillerie notwendigen Funkgeräte und deren Zusätze. Welch eine angenehme Überraschung war es für mich, dort auf biedere Familienväter aus dem Sudetenland und den deutschen Bevölkerungsgruppen in Rumänien (Siebenbürgen und Banat) zu stoßen, sogenannten Beutedeutschen. Es gab aber auch die aus dem "Reich", ausnahmslos in höheren Mannschafts- oder unteren Offiziersrängen; einige alles andere als zahnlose Tiger. Dies waren die "echten" Freiwilligen. Zu hochrangigen Offizieren bestand natürlich keinerlei Kontakt. Die zahlreichen "falchen" Freiwilligen aus den besetzten Ländern hatten lediglich das Pech, entweder skrupellosen Werbern auf den Leim gegangen zu sein, oder keine andere Wahl gehabt zu haben, als der Waffen-SS beizutreten. Einige dienten bereits vorher in den dortigen nationalen Streitkräften. Wer sich heute mit älteren Aussiedlern aus Rumänien darüber unterhält, kann sich ein Bild machen.

In meiner neuen Abteilung war ich bis zum Kriegsende ein Exote: Ich trug nicht nur weiterhin meine Luftwaffenuniform, sondern behielt auch mein Soldbuch von der Luftwaffe, welches dem Paß entsprach. Die Tätowierung der Blutgruppe in der Achselhöhle - später als Kainsmal gedeutet - blieb mir auch erspart. Ich fühlte mich aber dennoch nicht als "Leihsoldat". In dieser Nische überlebte ich gemeinsam mit den anderen "Freiwilligen" den Krieg in Polen, Ungarn und Österreich; schließlich gelangten wir alle in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Unter der großen Masse von Gefangenen wurden im August 1945 in Konstanza am Schwarzen Meer die "Volksdeutschen" ausgesondert. Diese und wir "Reichsdeutschen" gingen von nun an getrennte Wege in ein ungewisses Schicksal. Vom Holocaust erfuhr ich, trotz meiner mehrmonatlichen Zugehörigkeit zu einer "verbrecherichen Organisation", erst nach dem Krieg.

In Kenntnis der damaligen Machtverhältnisse war mein Los, bei der Waffen-SS zu landen, seit dem 20.Juli 1944 besiegelt. Himmler, seit 1943 Reichsinnenminister, Herr über nahezu 40 Divisionen der Waffen-SS, sowie der gesamten SS und Polizei, wurde nach dem Hitler-Attentat Chef des Ersatzheeres; kurz darauf gar Heeresgruppenführer an der Weichsel. Görings Einfluß bei Hitler sank in dem Maße wie der Himmlers stieg. Die Luftwaffe brauchte uns im Herbst 1944 aus bekannten Gründen nicht mehr. So wurde ich, gleich vielen anderen, Himmlers leichte Beute für seine bedrohte Weichselfront.

Es waren Gräber von gefallenen Angehörigen der Waffen-SS die, im Frühjahr 1985 im Vorfeld von Präsident Reagans Besuch in Bitburg, zu mich befremdenden heftigen Kontroversen führten. Ohne Helmut Kohls beharrliche Standfestigkeit wäre Reagans Besuch in Bitburg geplatzt. Zweifellos waren die Divisionen der Waffen-SS tiefer in Kriegsverbrechen verstrickt als andere. Die Verblendung ihrer Führer erzwang zudem gegen Kriegsende eine unsinnige und rücksichtslose Durchhaltestrategie - gefürchtet von allen Betroffenen. Dennoch befanden sich in ihren Reihen weitaus mehr Opfer als Täter.

Paul Theisen, Böblingen